Ausrutscher auf der Bananenschale?

Seit dem letzten Jahrhundert bin ich begeisterter Leser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, FAZ. Selbstverständlich gilt dies auch für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Gerne erinnere ich mich an die verschiedensten lange eingestellten Sonderbeilagen wie das Magazin, die alte Tiefdruckbeilage der „Bilder und Zeiten“ sowie die Berlinbeilage. Wehmüte Erinnerung schwingt mit. Selbst der Wirtschafts- bzw. der Finanzteil machte mit den Anlageempfehlungen von Heinz Brestel spürbar gute Laune, wirkte die Zeitung doch dabei erfrischend anarchistisch wie sie von Matthöfer bis Eichel den Begehrlichkeiten der Finanzverwaltung Schnippchen schlug.
Die politischen Meinungen der FAZ, ihre Kommentare, die Ansichten über Wirtschaftstheorie und -politik als auch über Gesellschaftstheorie und -poltik stammten und stimmen nur wenig mit meinen eigenen überein. Ich lese sie genau aus diesem Grund um meinen eigenen Standpunkt kritisch an denen Anderer prüfen zu können.
Zensursula sei Dank ist nun auch das Internet verstärkt Thema der politischen Berichterstattung in der FAZ geworden. Der erste Kommentar dazu, leider habe ich den Artikel nicht zur Hand, warb selbstverständlich hochgradig positiv für Netzsperren. Im Laufe der Zeit konnte man Lerneffekte in der Redaktion bemerken, die sich immer häufiger in einer differenzierten Auseinandersetzung mit dem Thema widerspiegelten. Der geneigte Leser konnte die Mühen, die dieser Lernprozeß abverlangt sehr gut beobachten. Dass sich eine Redaktion aus der Pfadabhängigkeit von Überzeugungen emanzipert ist nicht selbstverständlich und hat mich positiv überrascht.
Heute jedoch machte die Sonntagszeitung zum spickmich Urteil, über das man getrost geteilter Meinung sein kann, mit einem Kommentar auf, der mit folgendem Satz endete: Es ist höchste Zeit, das Internet entschlossen zu zivilisieren, es Recht und Gesetz zu unterwerfen.
Das macht mich doch ein wenig fassungslos. Haben hier Teile der Redaktion in einem jahrelangen Tiefschlaf gelegen? Haben sie sich nicht informiert? Genau diese Art der leerformelhaften, gehaltlosen Phrasendrescherei beschreibt in sehr plastischer Art und Weise ein Artikel auf spiegel.de vom vergangenen Freitag. Ich kann nicht glauben, daß diese Phrasen ernst gemeint sind. An dieser Art Gewölle leidet selbst der geneigteste Leser.
Aber vielleicht war dieser Artikel nur ein seltenes Ereignis, ein Ausrutscher auf einer geistigen Bananenschale. Ich bin für diese Art der Zufälle gerüstet.

3 Antworten zu “Ausrutscher auf der Bananenschale?

  1. Wie wahr. Als ich den von Dir in Twitter verlinkten Kommentar gelesen hatte, war mir auch erstmal die Kinnlade runtergefallen.

    Nun denn, offenbar fühlt sich der Autor hier allein unter Wilden und muß uns zivilisieren. Vermutlich auch christianisieren, wenn man ihn so liest. Schlimm.

  2. Ja, der FAZ-Artikel ist nicht mal polemisch gemeint, sondern zeigt einmal mehr die große Angst vieler Wenig-Online-Erfahrenen vor der ständigen Informationsvermittlung und Servicebewertung auf Augenhöhe mit der „wir“ tagtäglich umegehen und experimentieren. Ich glaube, es geht dem Autor hierbei weniger darum, das Internet weniger rechtsfrei zu machen aus juristischer Sicht, sondern vornehmlich um die ethische-humanstischen Fragen, die unsere – zugegebenerweise oftmals auch unreflektierte – Internetnetzung bewirkt. Nunja, und da fängt dann eben schnell der Kulturkampf an und nicht nur die Frage nach Recht und Rechtsfreiheit.

    Mir geht ja wirklich mal diese Waffenmetapher auf den Senkel in dem Artikel. Medienhistorisch wirklich ein Unding, diese Metapher immer wieder dann aus dem Hut zu zaubern, wenn ein neues Medium sich etabliert und Ängste in wertkonservativen Seelen weckt.

  3. Ich habe mich auch darüber geärgert, ebenfalls auf mehr als 140 Zeichen (http://beimnollar.wordpress.com/2009/06/28/spickmich-verfassungsgericht-kauder/).

    Ich kann damit leben (als ebenfalls sogar glühender FAZ-Anhänger), dass die Jungs dort die Hosen voll haben beim Gedanken an das wilde Internet.
    Aber was mich mehr stört ist, dass bei zensursula und eben spickmich und so auch überhaupt nicht reflektiert wird, dass es auch die Perspektive bürgerliche Grundrechte, Meinungsäusserung etc. abzuwägen gäbe bei diesen Dingen.