Ratlos in der Anonymität der Großstadt

Ende vergangenden Monats ereignete sich am Willy-Brandt-Haus in Kreuzberg ein tödlicher Unfall.
Eine gehbehinderte Frau im Alter von 76 Jahren versuchte mithilfe eines Rollators die vielbefahrene Wilhelmstraße zu überqueren und wurde von einem Lastwagen tödlich überrollt. Gleich in der Nähe des Unfallortes wohne ich mit meiner Holden. Sie war zur Unfallzeit zuhause, hörte die Bremsgeräusche des Lastwagens und erlebte die Anfahrt der Rettungswagen und der Polizei unmittelbar. Aufgeregt rief sie mich im Büro an um sich über das Geschehen mitzuteilen; am Abend sprachen wir erneut über das entsetzliche Ereignis. Am Tag danach war der Unfall, wie erwartet, auf den Regionalseiten der einschlägigen Tageszeitungen mit der gebotenen Diskretion ohne Namen und Adresse des Unfallopfers nachzulesen.
Wir nahmen Anteil an dem Schicksal der Frau aufgrund der räumlichen Nähe und dem unmittelbaren Mitererleben.
Vorgestern, etwa 3 Wochen nach dem Unfall, erhielten wir die neue Ausgabe unseres „Kiezmagazins“. Beim Durchblättern gewann das Geschehene wieder Aktualität. Durch einen kurzen Artikel bekam das Unfallopfer Namen und Gesicht und ich las, daß die Frau lange Jahre bis zu ihrem tödlichen Unfall ein Haus neben dem unsrigen gewohnt hat.

Augenzeuge gesucht

Diese Tatsache macht mich sehr nachdenklich, denn bis heute ist mir das Unglücksopfer unbekannt. Obwohl in der Nachbarschaft wohnend habe ich keinerlei Erinnerung an die Frau, kann keine Begegnung, nicht mal eine rein zufällige, erinnern.
Anonymität und Privatsphäre sind für mich zentrale Werte und Rechte, die zur Zeit von Wirtschaft und Staat zunehmend ausgehöhlt und negiert werden. Sie können in der Großstadt verhältnismäßig gut gelebt werden. Wenn Anonymität jedoch bedeutet, daß man für Menschen, mit denen man jahrelang in Nachbarschaft gelebt hat, keinerlei Aufmerksamkeit mehr hat, dann macht mich das doch ratlos.

5 Antworten zu “Ratlos in der Anonymität der Großstadt

  1. krasse geschichte. ich hab mal in friedrichshain gewohnt. da war das ganz ähnlich. ich hätte bestens falls die leute aus meinem seitenflügel zuordnen können. jetzt wohne ich wieder in potsdam und hier ist ist es doch ziemlich anders. das liegt wohl an der „großstadt-mentalität“.

  2. Das stimmt allerdings, selbst wenn man jahrelang in derselben Gegend wohnt, kennt man meist doch nur die unmittelbaren Nachbarn aus dem eigenen Haus, wobei selbst das oft nicht der Fall ist.

    Wir haben mal zwei Jahre hintereinander ein Hausfest veranstaltet, um sich wenigstens innerhalb der Hausgemeinschaft kennenzulernen, aber wenn sich der Vermieter/Eigentümer nicht regelmässig für so etwas engagiert, schläft das ganze schnell wieder ein.

    Auf dem Dorf ist das anders. 😉

  3. Ich habe erst letztens gelesen, dass zu viel Privatsphäre krank machen kann. Zumindest halten es einige Psychologen für möglich, dass die Flucht in Anonymität und Einsamkeit zu langfristigen chronischen Verstimmungen führen kann. Den fruchtbarsten Boden dafür findet man wohl in Großstädten.

    Das wäre wohl nicht geschehen wenn wir wie damals noch in Stämmen umherziehen würden – aber wer mag heute noch auf seine „eigene Zeit“ verzichten?

  4. Aber wo soll man denn seinen Nachbarn begegnen? Man verlässt das Haus und kommt wieder… wenn es keinen Garten oder wenigstens eine Sitzbank ect. gibt…Bestimmt gibt es auch isolierte Menschen, teils auch sicher ungewollt. Aber ein junges Pärchen, wo beide im Zweifelsfall früh die Wohnung verlassen, um abends wieder nach Hause zu kommen…da muss man ja nicht zwangsläufig einer alten Frau begegnen, die vielleicht immer mittags das Haus verlässt.
    Mir gibt mehr zu denken, wie überfordert und alleingelassen gerade alte Menschen sind, was Technik und Strassenverkehr betrifft. Autos werden immer schneller und auch leiser, aber welche Entwicklung hat da eine 80jährige schon erlebt. Und so werden die Sinne schwächer und die Welt schneller… darauf wird zu wenig Rücksicht genommen.
    (Ich meine Ampelschaltungen, automatische Drehtüren, Fahrstühle…) Dass sich die alten Leute auch noch selbst überschätzen (Rollator-dicke Straße-Ampel??) kommt noch dazu.
    Auch wer noch alles Auto fährt, ist erschreckend. Und wenn diese betagten Fahrer zum Test gehen, denken sie, sie können mal eben im Auto zeigen, was sie können.Is aber nicht. Da gibt es Reaktionstest’s, die 90% der Prüflinge alt aussehen lassen (dürfen trotzdem weiter fahren).
    Sorry, nun bin ich ganz vom Thema abgekommen.
    Aber ich bin der Meinung, „wie man sich bettet- so schläft man“. Auch in einer Stadt kann man Kontakte pflegen – wenn man will.

  5. Pingback: Ratlos in der Anonymität der Großstadt | Stories & Places