Der Tag vor fünfundzwanzig Jahren

Von den Berliner Ironbloggern schrieben in dieser Woche Miss Kitty und der Tillmann über ihre Erinnerungen an den Mauerfall. Ich denke mir, daß das eine gute Idee ist und versuche meine eigenen Erinnerungen an den Tag zu sortieren um sie schriftlich zu fixieren. Dabei stelle ich fest, daß ein – mehr oder weniger gnädiges – Vergessen schon sehr viel im Dunklen läßt und ich mich möglicherweise in die Gefahr der retrospektiven Verzerrung von Erinnerungen begebe und etwas schreibe was so nicht war. Denn leider habe ich meine Gedanken in der Zeit nicht verschriftlicht. Ich werde also versuchen nur Fakten und keine Vermutung wiederzugeben.

Vor fünfundzwanzig Jahren habe ich bereits in der Wohnung gelebt, in der ich heute noch wohne. Auf der anderen Straßenseite gab es nicht das Willy-Brandt-Haus sondern eine Grünfläche. Das ans Willy-Brandt-Haus angrenzende Gebäude existierte ebenfalls noch nicht sondern dort befand sich die „Wagenburg“; ein bunter Trupp Leute, die in Bauwagen lebten. Das Tommy-Weisbecker-Haus bestand bereits sechszehn Jahre, der angrenzende Theodor-Wolff-Park wurde gerade gestaltet und erhielt seinen Namen erst drei Jahre später. Schaute ich aus dem Fenster meines Arbeitszimmers, das direkt auf der Flucht der alten Wilhelmstraße lag, so sah ich in meheren hundert Metern Entfernung eine Mauer quer über die Straße. Von meinem Standpunkt aus bis dahin bei Dunkelheit gut ausgeleuchte, lag die Straße hinter der Sperre eher im Dunklen mit unzureichender Beleuchtung. Die Holde und ich kannten uns bereits, hatten auch ein wenig poussiert doch uns zu diesem Zeitpunkt seit über einem Jahr aus den Augen verloren.

Ich saß also im Wohnzimmer vor dem Fernseher und hörte die legendären Worte Schabowskis ohne sie wirklich zu verstehen und damit eine Ahnung von den Folgen zu haben. Erst die Sendungen des SFB machten mir klar, daß Ungewöhnliches im Gange war. Ich schaute einige Male aus meinem Arbeitszimmerfenster konnte aber nichts Besonderes entdecken. Schließlich, als die Ostberliner über einige innerstädtischen Übergänge nach West-Berlin kamen und dies in Filmaufnahmen im Fernsehen bestätigt wurde machte ich mich auf den Weg zum nahegelegenen Checkpoint Charlie. Dort waren bereits Menschen versammelt, ich stellte mich an der Seite vom Café Adler auf. Die Sicht in den Abfertigungsbereich war frei und irgendwann wurde klar, daß sich auch auf der anderen Seite des Checkpoints Menschen versammelten. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit aber dann kamen sie wirklich über den Checkpoint Charlie, die ersten Ostberliner. Die Freude der Menschen, die kamen war ansteckend und tief berührend. Alle, ob Ossi oder Wessi hatten nicht nur Tränen in den Augen, sie flossen in Strömen. Irgendwann bin ich dann wieder nach Hause gegangen. Wann und wie, ob ich schlafen konnte oder nicht, wo meine damalige Freundin war, all das ist vergessen.

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