Über Vorbilder

Im vergangenen Jahrhundert: Der Deutschlehrer gibt eine besondere Hausaufgabe auf. Die Kinder sollen sich bis zur nächsten Stunde ein Vorbild überlegen. Der Name wird auf einen Zettel geschrieben in ein Behältnis gelegt, die Zettel werden vom Lehrer gezogen und vorgelesen werden. Die nächste Aufgabe für die Kinder wird dann sein einen Aufsatz über ihr Vorbild zu schreiben.

Der Zehnjährige ist ratlos. Ein Vorbild hat er nicht, hat nicht darüber nachgedacht was das sein soll oder wozu er es brauchen könnte. Hilfesuchend wendet er sich an seinen Vater, der ihm den Namen eines Politikers des Deutschen Bundestags nennt. Warum nicht denkt der Zehnjährige, einer ist so egal wie der andere. Der Lehrer zieht einen Zettel nach dem anderen aus dem Behältnis und liest die Namen vor. Die Kinder haben Sportler, Musiker, Künstler zu Vorbildern, selten wird auch der Name eines Familienmitglieds vorgelesen. Als der Name des Politikers genannt wird, verfällt die Klasse in brüllendes Gelächter. Der Lehrer wird wütend, hat die Unreife der Klasse unterschätzt und bricht das Vorlesen ab. Eine gewaschene Standpauke an die Klasse folgt, die Kinder sind erschrocken.

In der nächsten Stunde wird das Verfahren wiederholt. Die Wiederholung bringt Überraschendes zu Tage. Ein anderer Schüler hat ebenfalls den Politikernamen aufgeschrieben. Er wird sich schon als Jugendlicher politisch engagieren, Funktionen in einer Partei bekleiden und Jahre später als Mitarbeiter der Fraktion des genannten Politikers im Bundestag arbeiten.  Der vorbildlose Zehnjährige wird auch später kein Vorbild gehabt, keine Karriereplanung betrieben und versucht seine geistige Ausrichtung nicht nach dem Wind gerichtet zu haben.

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