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Ein Ciabatta natur bitte!

Begebe ich mich am Sonnabend in der Frühe für den Wochenendeinkauf in die „Lebensmittelabteilung des Vertrauens in der Stadt“, so benutze ich diejenige Rolltreppe im Gebäude, die im gewünschten Geschoß vor den Backwaren endet und erstehe ein Ciabatta natur.

Das Ciabatta unterscheidet sich von anderen Brotsorten. Das Baguette mit geringer Porung ist ein wunderbarer Träger für Leberpasteten und kleine feine Leckereien – das klassische „Schnittchen“. Das Mischbrot, auch vielfach Graubrot genannt, hat ebenfalls eine geringe Porung, in seiner einfachsten Darreichungsform ist es ein Butterbrot, auch Bemme oder Stulle genannt. Das Graubrot hat in seinem Namen mit „Grau“ eine Eigenschaftsbezeichnung, die auf etwas Trübes, Tristes hinweist. Das „Grau“ steckt auch in den „Grauen Herren“, die die Menschen in Michael Endes Roman „Momo“ um die Zeit betrügen. Auf die Fläche des Graubrotes läßt sich einfach die Butter streichen, darauf Wurstscheiben legen, mit etwas Senf bestreichen, ein Gürkchen und ein Sträußchen Petersilie obendrauf drapieren. Diese Installation läßt sich noch bequem zusammenklappen und im Gehen essen, es wird Zeit gespart. Effizienz!!

Das Ciabatta ist nun das ganze Gegenteil mit seinen eigenwilligen Innereien. Die Porung ist asymmetrisch und höchst gröblich, selbst in der Tiefe eines Laibs können sich bis an die Kruste reichende Höhlungen befinden. Ein zuverlässiges Bestreichen und Belegen ist so unmöglich.

Ciabatta natur

Ciabatta natur

Das Ciabatta ist unvorhersehbar und zwingt den Esser zum „dazu-Essen“. Möglicher Belag wird auf dem Teller plaziert, mit Besteck gegessen und wenn von der Brotscheibe abgebissen werden soll, wird das Besteck beiseite gelegt. Das Ciabatta verformt die Zeit des Essens, es gibt die Zeit zurück.

Frühabendlicher Ausflug in die City West

Freitagabend während des Feierabends in der Linie 1; ich fahre in die City West um noch schnell ein paar Wochenendeinkäufe zu erledigen. Bin gehobener Stimmung und freue mich auf ein entspannendes Feierabendbier. Steige Wittenbergplatz aus, mache meine Erledigungen hier und dort, danach per Fahrstuhl in die Lebensmittelabteilung des großen Kaufhauses am Tauentzien. Das Kalbskarree sieht ansprechend aus, kaufe ein Kilo und begebe mich schnellen Schrittes zur Tschechischen Bierbar.

Es sind noch Hocker an der Theke frei, ich nehme Platz, lege das Device auf den Tresen und warte auf das erste Budweiser. Dabei ein wenig die Gäste abchecken, einige aus der Generation Achtundsechzig, die Mehrzahl aus der Generation Babyboomer, zwei oder drei Nasen aus der Generation Golf, jüngeres Publikum ist Fehlanzeige. Eine kleines Trüppchen Touristinnen bespricht laut ihren Wochenendaufenthalt in der Stadt, Lachen und Zuprosten, sie sind in guter Stimmung. Trinke mein erstes Bier, die Muskulatur entspannt sich, spiele mit dem iPhone herum, Twitter, Plurk, App.net. Landlordgame ist immer noch off aber es kümmert mich nicht in diesem Moment. Trinke das zweite Bier etwas zügiger, bestelle das dritte und bekomme unversehens Teile der Unterhaltung eines Mannes und einer Frau mit dem Barkeeper mit. Sie unterhalten sich leise, ein privates Gespräch in der Öffentlichkeit, nicht für die Umstehenden bestimmt. Erkenne, daß es um die aktuelle Sexismusdebatte handelt, die sie aus den Massenmedien (nicht Internet, meine Vermutung) kennen. Satzfetzen wie „wenn eine Frau mit einem tiefen Ausschnitt herumläuft, trägt sie eine Mitschuld“ geäußert durch den Gast, erreichen mich. Kribbeln im Nacken, Muskulatur spannt sich, mein Herz schlägt etwas schneller. Stiere in mein Glas. Der Gast versucht sich zu seiner Äußerung die Bestätigung des Barkeepers zu holen. Erkenne an dessen Körpersprache, daß ihm das Gespräch deutlich unangenehm ist, er murmelt Unverständliches und dreht sich zu seinen Zapfhähnen und nimmt das Gepräch nicht mehr auf.

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