Schlagwort-Archive: datenschutz

Über die Infallibilität der Artikelgruppe 29

Eine Juristin twittert, daß die Verlautbarungen der Artikelgruppe 29 nicht das letzte Wort seien, sondern wenn Aufsichtsbehörden die Verlautbarungen durchsetzen wollen, diese von einem Gericht geprüft werden können. Der Mitarbeiter einer Aufsichtsbehörde der Länder bezweifelt die Kompetenz und Zuständigkeit eines Gerichts. Die Mitglieder der Artikelgruppe seien „informatorisch und juristisch“ so weise (nicht sozialwissenschaftlich, nicht politisch, nicht philosophisch, also mehr oder weniger außerhalb der Welt, der Welt entrückt), daß sie also nur Erwägungen des letzten Wortes sprechen, sie sind unfehlbar – demiurgisch. Nein – unfehlbar sind sie sicher nicht und sie erschaffen auch sicher nicht die Welt. Ihre Verlautbarungen sind immer ideologisch. Deshalb ist Überprüfung richtig und wichtig. Und es wundert doch schon, daß Gewaltenteilung verneint wird. Das ist schlechte Praxis.

Über betrunkene Algorithmen

Wir machen es uns einfach und vermeiden den Begriff Künstliche Intelligenz sowie Smarte Maschinen. Wir nennen das Ergebnis eines ausgeführten Algorithmus „Entscheidung“ wohl wissend, daß eigentlich nur Menschen entscheiden können. Algorithmus steht in unserem Falle einfachhalber auch für ein ganzes Bündel von Algorithmen, für Millionen Zeilen Maschinenschrift. Entscheidend ist, daß dieser Algorithmus eine Entscheidung über Menschen trifft ohne daß das Ergebnis von einem anderen Menschen geprüft wurde und somit als alleinige Entscheidung im Raum steht.
Um doch etwas Komplexität in den Gedanken zu bringen nehmen wir an, der Algorithmus besäße Emotionen. Dazu sei jetzt nicht notwendigerweise Bewußtsein notwendig. Auf einem Panel wird der Algorithmus, der negative Emotionen zeigt und Entscheidungen trifft „betrunkener Algorithmus“ genannt. Nicht nur ein betrunkener Algorithmus sondern ganz grundsätzlich ein Algorithmus mit Emotionen ist etwas, das viele Menschen erschreckt.

Über Datenschutzmaßnahmen und Verdinglichung sowie Medialisierung

Für die Datenverarbeitung wird der Mensch in seiner Gänze auf einzelne Aspekte seines Lebens in Datenpunkte zerlegt. Er wird verdinglicht. Die Perspektive, dass Daten eine neue Währung seien, bringt die vollständige Verdinglichung sehr gut zum Ausdruck. Werden die Daten als Geld gesehen so sind sie ein Medium. Medien funktionieren einwandfrei wenn sie vollständig unsichtbar sind. Ist der Mensch im Datum zu Geld transformiert ist er vollständig unsichtbar.

Diese mediale Sichtweise nehmen vor allem die Datenverarbeiter an. Andere Perspektiven sind selbstverständlich:
Die Asymmetrie zwischen Organisation und Individuum erzwingt eine Norm oder einen ganzen Kranz an Normen um diese Asymmetrie auszugleichen und beide auf Augenhöhe zu bringen. Dies ist der Kern des Datenschutzes. Dazu erfanden Steinmüller, Lutterbeck und Mahlmann sowie das Bundesverfassungsgericht eine juristische Norm das „Recht auf informationelle Selbstbestimmung“. Daraus leiten sich ein Bündel weiterer gesetzgeberische Einhegungen sowie technische als auch organisatorische Maßnahmen ab.
Den vorher skizzierten systemtheoretischen Ansatz können wir ablösen indem wir den Begriff „Adiaphorisierung“ von Zygmunt Bauman adaptieren. Bauman erkennt, dass durch organisatorische Erfindungen wie Arbeitszerlegung/teilung sowie technischen Erfindungen die Verantwortlichkeitsreichweite des Individuums, die wir als moralischen Sinn bezeichnen wollen reduziert bzw. ganz aufgehoben werden kann. In den langen Ketten der Arbeitsteilung und der technischen Systeme verliert der verantwortliche Verarbeiter die Übersicht über die Folgen seines Tuns. Dazu kommt noch die Gefahr, durch Medialisierung der Daten und damit der Unsichtbarkeit für den Verarbeiter den moralischen Sinn zu verlieren.

Technische und organisatorische Maßnahmen des Datenschutzes wie z.B. Pseudonymisierung und Anonymisierung weiten die Datafizierung aus. Können wir also mutmaßen, dass Datenschutzmaßnahmen die Verdinglichung und Medialisierung ebenfalls ausweiten?

Wunderliche Schnellschüsse

Ich bin auf der Konferenz „Digitales Leben – Vernetzt. Vermessen. Verkauft?“ auf der Heiko Maas seine Ideen zu soetwas wie einer „Algorithmenregulierung“ vorstellt. Das was ich höre ist aber nicht das, was ein Onlinemedium vor der Konferenz veröffentlicht hat und auch weitere literale Medien nach der Konferenz veröffentlichen werden. Der Minister hat nur etwas mehr Transparenz zu Algorithmen angesprochen, wie diese ausgestaltet werden kann soll aber dem politischen Prozeß überlassen werden. Es gibt von ihm keinerlei Vorgaben. Nicht gefordert hat er die Vorstellung jedes komplexen Algorithmus bei einer Aufsicht. Genehmigungsverfahren soll es nicht geben. Also bürokratische Monster sollen nicht geschaffen werden. Daß der Minister seine Ideen noch kurzfristig öffentlich vorgestellt hat mag man ihm nachsehen, er möchte halt Aufmerksamkeit haben. Daß nun einige Medien so wunderliche Schnellschüsse über seine Rede absondern mag auch mit Aufmerksamkeitsdefiziten erklärt werden. Über Letzteres kann ich aber nur den Kopf schütteln.

Die Sau ist ein Mastodon

Dieser Tage wird, in Sachen Mikroblogging, eine Sau namens Mastodon durchs Dorf getrieben. Im Gegensatz zu Twitter und dem Gesichtsbuch werden diesem Dienst die üblichen Heilsversprechen wie Dezentralität, Open Source und antikapitalistische Haltung zugeschrieben. Natürlich bin ich vollkommen begeistert und in meiner tiefsitzenden Neomanie melde ich sofort einen Account auf einer Instanz an. Leider ist auf der „Urinstanz“ „mastodon.social“ wegen Überfüllung keine Anmeldung möglich und so versuche ich es auf „hostux.social“, was problemlos klappt. Auf der Suche nach Mails von dieser Instanz, die im Spam-Ordner verschwinden, stelle ich fest, daß ich Mails von der „Urinstanz“ erhielt und somit bereits dort einen Account dort eröffnete.

Mastodon

Mastodon

Das ist schon geschlagene fünf oder sechs Monate her. Merkwürdig, daß ich mich nicht erinnere; wurde der Dienst einfach uninteressant?

Die Lässigkeit des ICO

WordPress.com halte ich für eine großartige Plattform und blogge hier auch gerne. Ich stelle bis heute die Kommentarfunktion aus Datenschutzgründen nicht zur Verfügung wie hier erläutert. Das mag überzogen erscheinen hat aber aktuell in Zeiten des Brüllens und Geschreis eingeschriebene Vorteile. Mich fasziniert immer wieder wie die britische Datenschutzaufsichtsbehörde ICO mit einer gewissen Lässigkeit ihr Blog ebenfalls auf WordPress.com in den USA hostet und dazu Kommentare ohne weiteren Datenschutzchichi wie umständliche Einwilligungsprocedere zuläßt. Bin ich in der Angelegenheit etwa päpstlicher als der Papst?

Das Webcam-Cover

Lange hat es gedauert, sehr lange. Während viele meiner Bekannten und Freunde ihre Webcam abklebten verzichtete ich darauf. Nein, ich gebe zu, es hat mich sogar belustigt. Seid ihr paranoid? Das ist doch wohl nicht euer Ernst! Ich änderte meine Meinung und ein klebte ein Webcam-Cover der Stiftung Datenschutz auf die Kamera. Und – irgendwie durchströmte mich ein Gefühl der Erleichterung. Das verwirrte mich dann doch etwas…

Was hat Craftbeer mit der re:publica zu tun?

Die zehnte re:publica ist vorbei, großen Dank an die Organisatoren, das habt ihr wieder knorke hinbekommen. Eine sehr gute Idee ist die Erweiterung der Räumlichkeiten um mehr Stages und einen zusätzlichen Außenbereich.

Inhalte

Meine must-haves sind die Sessions von Gunter Dueck „Cargo Kulte“, Richard Sennet „The city as an open system“ und Thomas Fischer „Strafrecht, Wahrheit und Kommunikation“. Zum den must-haves gehören auch die Sessions von Freunden wie Maxim & Katrin „Fluch und Segen – intime Körperdaten in eHealth Anwendungen“ sowie der Michi „Netzinnenpolitik – Grundzüge einer Politik der Plattformgesellschaft“.

Beeindruckend sind die Ausführungen von Carolin Emcke „Raster des Hasses“. Emcke beschreibt Hass nicht einfach als Emotion des Individuums sondern sucht nach den Bedingungen, die ihn generieren, strukturieren und kanalisieren. Hass kann also sozial konstituiert werden. Ihre zentrale Frage ist: „Was sehen die Hassenden?“ (am Beispiel des belagerten Flüchtlingsbus in Clausnitz) Sie sehen im Gegenüber nicht eine Person, sie fragen nicht „Wer einer ist?“, sie müssen etwas anderes sehen, einen Stellvertreter, sie verdinglichen. Ihre Ausführungen regen mich zum Weiterdenken an.

Total fasziniert bin ich von Kate Stones  Session „A feel for print – paper music instruments“. Die Verbindung von Papier mit Musik, das Überführen des Digitalen in Analoges, Körperliches, Materielles und damit Haptisches ist eine großartige Idee. Ihre Arbeit ist eine höchst anregende, kreative Art des Tüftelns, der Bricolage. Das Überführen eines Computerprogramms zum Erstellen von Musikstücken auf ein Papier mit aufgemalten Blumen und Tieren, die jeweils ein Feature der Software beinhalten und mit deren Berühren Musikstücke erstellt werden können ist verblüffend.

Weiterlesen

Beim Zahnarzt

Die Zahnarztpraxis des Vertrauens liegt weit tief im Berliner Westen. Der Weg dahin ist zermürbend, insbesondere wenn man wie ich, nicht mit einem Übermaß an Tapferkeit und Heldenmut beim Zahnarzt ausgestattet ist. Also wechsele ich zu einer Praxis die fußläufig und damit gut von zuhause aus zu erreichen ist. Sowohl die Anmeldung als auch das Wartezimmer muten unauffällig, wie tausende andere an, allein es überrascht, daß die Nutzung von Smartphones nicht unerwünscht ist. Das Behandlungszimmer birgt eine weitere Überraschung – ein einladender Behandlungsstuhl, nein eine Behandlungsliege. Beruhigende Musik ertönt dezent im Hintergrund. Die Durchsicht des Gebiß ist schnell erledigt, der Zahnarzt sagt an, die Zahnarzthelferin notiert, die Ergebnisse sind auf einem Wanddisplay ablesbar. Danach geht es zum Röntgen des Gebiß in den Röntgenraum, bei Rückkehr in das Behandlungszimmer ist die Aufnahme bereits auf einem Display über der Behandlungsliege verfügbar. Beim Abschluß der Untersuchung wird ein Nachfolgetermin vereinbart, der Terminkalender ist ebenfalls auf dem Wanddisplay einsehbar. In der Zahnarztpraxis im tiefen Berliner Westen bin ich bis dahin Papier und Kugelschreiber sowie Röntgenaufnahmen auf Film gewöhnt. Die Digitalisierung schreitet auch in der Zahnarztpraxis voran. Inwieweit ist das nun „gut“ oder „schlecht“? Wird durch Digitalisierung eingesparte Zeit nun mit Zuwendung zum Patienten gefüllt oder werden mehr Patienten (pro Zeiteinheit) behandelt? Kapitalrendite. Die Frage scheint mir offen. (Eine Medaille für Mut und Tapferkeit beim Zahnarzt erhalte ich am Ende der Session leider nicht. )

Daten und Implantate

Das Bundesforschungsministerium hat eine Bürgerdialogreihe der ZukunftsForen gestartet. Das erste ZukunftsForum trägt den Titel „Gesundheit neu denken„. Dazu gibt es eine CAPI-Befragung mit 1000 Teilnehmern von TNS Emnid, deren Ergebnisse hier als pdf herunterladbar sind. Die Resultate folgender Frage bringen mich ins Grübeln:

In der Medizin werden mittlerweile neuronale Implantate eingesetzt um verloren gegangene Körperfunktionen, wie etwa den Gehörsinn, wieder herzustellen. In Zukunft wird es wahrseinlich auch möglich sein, die geistigen Fähigkeiten von Menschen durch Implantate zu steigern, wie z.B. Verbesserung der Gedächtnisleistung und Konzentration. Was halten Sie von der Vorstellung sich Implantate zur Steigerung der geistigen Fähigkeiten in den Körper einpflanzen zu lassen?

Insgesamt 50,7% der Befragten finden das „Gut/Sehr Gut“ wobei die jüngeren Altersgruppen noch höhere Zustimmung signalisieren. Ungeachtet aller methodischer Problematiken, die die Fragestellung selber und die Stichprobenziehung samt Nachgewichtung betreffen, zeigt sich mir hier eine bedenkliche Tendenz. Gesundheit scheint kein ausreichendes Befinden zu sein, ein anderer Zustand will erreicht werden. Ein Zustand, der immer eine weitere Steigerung erfordert, denn ein Ende ist nach oben offen und somit ist man immer im dauerhaften Optimierungs-Hamsterrad. Eine seltsame Vorstellung. Schaut man in der Studie nach der Bereitschaft Gesundheitsdaten zu teilen, so ist hier größte Zurückhaltung zu erkennen. Wie passt diese Zurückhaltung eigentlich zu Implantierungsbereitschaft – ein Paradox oder nicht?