Schlagwort-Archive: Digitale Gesellschaft

Über Technik und Liebe

Zitat Adorno aus „Erziehung nach Auschwitz“ in Kulturkritik und Gesellschaft II, stw, 2018, Seite 686:

Bei dem Typus, der zur Fetischisierung der Technik neigt, handelt es sich, schlicht gesagt um Menschen, die nicht lieben können.

Wird „der Technik“ durch „des Digitalen“ ersetzt, beschreibt das einen neuen Typus im 21. Jahrhundert.

Über das Posten ohne Blume

Einfach schreiben, einbinden anderer Inhalte wie Bilder, Videos, Links… Es scheint Tumblr nähert sich tatsächlich einem Blog. Beruht diese Modifikation auf der Übernahme durch WordPress?

Über eine Twittersperre

Twitter hat Kosmar gesperrt nachdem er 200 inaktiven Accounts entfolgt ist. Twitter sah dies als Bedrohung an. Das ist grotesk und zeigt die Maßlosigkeit von Automatisierung. Die Politik, das Unverständnis der Digitalisierung im politischen Betrieb, ist ursächlich daran beteiligt. Leider kann sich davon auch bis heute die Sozialdemokratie nicht freisprechen, ist das NetzDG ein Baby des ehemaligen Justizministers. Netzpolitische A**chtritte durch D64 sind nötiger denn je. Keine kosmaresquen Tweets mehr lesen zu können ist kein großes Kino von Twitter. Schämt und entschuldigt euch!

Über Automatisches Schreiben (2)

Perspektivwechsel: Weg von der Psychologie und hin zum künstlerischen Procedere. Automatisches Schreiben ist Montage. Ist es aus dieser Perspektive relevant ob ein Mensch schreibt oder eine Maschine?

Über Automatisches Schreiben

Veränderung eines Begriffs in der Zeit: Vor hundert Jahren war Automatisches Schreiben die Verschriftlichung von Gefühlen, Emotionen, der emporsteigenden Sedimenten des Unbewußten unter Absehung der Vernunft und ohne Korrektur des Geschriebenen. Heute ist Automatisches Schreiben Textproduktion unter Verwendung maschineller Binärschrift ohne daß die Maschinen das Geschriebene interpretieren können. Was macht das mit den Lebenden?

Über das „zu lang; nicht gelesen“

Das, was kurz sein soll ergießt sich als ungenießbarer Brei vor die Augen des entnervten Publikums: Nutzungsbedingungen, AGBs, Datenschutzerklärungen. Für das Publikum geschrieben wären sie kurz, einfach und klar. Sie sind aber von Juristen für Juristen geschrieben, die sich daran ergötzen, das Publikum liest sie nicht.

In den Sozialen Netzwerken ist Kürze Programm. Die Kürze bedingt teilweise Übles, Gemeines, Dummes.

Was kurz ist in der Literatur wie Miniatur, Fragment, Aphorismus, Essay oder Traktat, zeigt durch die Form besonderen Anspruch. Kleine Formen zu deuten benötigt Kontemplation. Kontemplation ist länglich.

Über den Tag nach EU-Urheberrechtsreformentscheidung

Einen Tag nach dem EU-Parlamentsbeschluß hat die Kulturindustrie in Gestalt der Onlinepresseerzeugnisse die Kolonisation des freien Internets bereits abgehakt. Ob aus Angst vor der eigenen Courage oder wegen des Drucks der wirtschaftlichen Notwendigkeit für neue Aufmerksamkeit ist keine Frage. Letzteres gilt! Der Inhalt muß erneuert werden. Immer schneller, immer schneller! Wann ist endlich Feierabend im Karussell der Belanglosigkeiten?

Über die EU-Urheberrechtsreform

Der Begriff Kulturindustrie erfährt ab heute eine Renaissance. Verwerter und Politik haben – Arm in Arm und Jahre nach den Plattformen – einen Kolonialisierungsversuch auf das freie Internet versucht und erreicht. Sich darüber zu echauffieren ist wohlfeil, sondern aus Sicht von Verwerter ökonomisch rational. Sie verschliefen die Technologie und sahen ihre überkommenen Geschäftsmodelle wegschwimmen. Dies ist beileibe nicht das erste Mal sondern trat bereits im 19 Jahrhundert auf. Sie versuchen die Tauschverhältnisse neu zu justieren und machen sich ihre geschäftsmäßig bedingte Nähe zur Politik zunutze. Verwertern, Plattformen und Politik ist gemein, daß sie das emanzipatorische Potential des Internets fürchten und bestrebt sind, es so gut es geht zu unterdrücken. Urheber und Nutzer sind nun düpiert. Die Gesellschaft ist unfreier geworden.

Das emanzipatorische Potential des Internets, dieses Stück Freiheit, existiert trotz Verwerter, Plattformen und angstbehafteter Politik. Urheber und Nutzer können es suchen.

Über automatisierten Datenabgleich

Automatisierter Datenabgleich ist, insbesondere wenn es um große Datenmengen geht, ein Segen für Organisation und Individuum. Prozesse werden beschleunigt und verbilligt, Entscheidungen werden schneller getroffen. Was ist jedoch, wenn die Organisation mit unbekannten oder seltenen Fehlern konfrontiert ist? Folgendes Beispiel möge dies skizzieren:

Das Finanzamt schickt einen neuen Steuerbescheid. Nachträglich wird eine Steuerermäßigung nicht anerkannt und eine Steuerforderung gestellt. Eine Nachfrage beim Finanzamt ergibt, der Steuerpflichtige habe die Berechtigung für die Steuerermäßigung verloren. Eine Nachfrage bei der Zentralen Zulagenstelle ergibt, die Rentenversicherung habe die Berechtigung für das Steuerjahr nicht übermittelt. Ein Termin bei der Rentenversicherung ergibt, die Meldebescheinigung zur Sozialversicherung sei nicht übermittelt worden. Eine Nachfrage beim Lohnbüro des Arbeitgebers ergibt die Meldung sei übermittelt. Eine Nachfrage bei der Krankenkasse des Arbeitnehmers ergibt die Meldung sei der Rentenversicherung fristgemäß übermittelt worden. Alle Datenübermittlungen erfolgten elektronisch und der Datenabgleich zwischen Rentenversicherung, Zentraler Zulagenstelle und Finanzamt automatisiert. Die Organisationen meinen alles sei korrekt verlaufen, es wäre kein Fehler passiert, sie hätten keinen Grund zu handeln. Das Individuum staunt und ist ratlos, es sieht sich in einer absurden, in einer kafkaesken Situation. Das Individuum findet keine Worte, hat für dieses Szenario keinen Begriff. Dies ist der Moment der Philosophie, die dazu Fragen stellen kann: Gibt es Wechselwirkungen zwischen Technik und Organisationshandeln, genauer gefragt wird der Technik von der Organisation magische, nicht zu hinterfragende, Kräfte zugeschrieben? Oder hat das konformierte Bewußtsein der Organisation, zum Beispiel nach dem Motto, wir machen keine Fehler – Petent, etwas damit zu tun? Letztens, hat dieses formale, nichtempathische Handeln der Organisation vielleicht auch etwas Gutes? Und viele weitere Fragen …

Über das Angesprochenwerden durch Maschinen

Eine Überlegung ist es, daß wir uns unsere Identität nur über die Relation zum Anderen ausbilden. Im Angesprochenwerden zeigt sich eine Seite dieser Relation. Schon (vor oder) nach der Geburt und ohne bereits eine psychische und soziale Identität ausgebildet zu haben werden wir (mit Namen) angesprochen. Das Angesprochenwerden ist vor dem Antwortenkönnen.
Heteronomie liegt vor Autonomie. Das heteronome Angesprochenwerden ist Anerkennung unserer Identität.

Diese Überlegung können wir so erweitern, daß selbst in der übelsten Ansprache die, meist unabsichtliche, Anerkennung unserer selbst durch den Übeltäter steckt. Wenn zunehmend Maschinen mit uns sprechen was bedeutet dies eigentlich? Für die Maschine sind wir verarbeitete Binärschrift; sie hat keine eigene Sicht und sieht uns nicht einmal verdinglicht. Aber was bedeutet das für uns? Wenn Maschinen uns ansprechen, bildet diese heteronome Ansprache, samt unabsichtlicher Anerkennung, auch unsere Identität aus? Und was folgt daraus wenn die sprechenden Maschinen immer mehr werden?