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Über Alterszuschreibungen

Mit Ágnes Heller läßt sich der folgende Gedankengang entwickeln:

Das Alter ist ein objektiver Begriff. Das Alter ist mit einem Meßsystem reliabel erheb- und es ist darstellbar. Bemächtigt sich die, nach Kant apriori bei jedem Menschen vorhandene Einbildungskraft dieses Begriffs, ist es möglich über diesen objektiven Begriff alles zu denken. Die Einbildungskraft beeinflußt das Denken und umgekehrt. Die Phantasie ist in der Lage Vor-Urteile zu erzeugen.

Ältere Menschen sind risikoscheu weil sie sich ihrer Endlichkeit bewußt sind.
Ältere Menschen sind risikofreudig weil sie sich ihrer Endlichkeit bewußt sind.

Beide sich widersprechende Kausalaussagen sind in der Gesellschaft vorhanden und deshalb Vor-Urteile.

Die „narrative Verzerrung“ ist nach Nassim Taleb das Unvermögen logische Verknüpfungen zwischen einer Reihe von Fakten zu unterlassen. Das Bedürfnis einer Reihe von Fakten (kausale) Narrative oder Muster zuzuschreiben ist unwiderstehlich; erst dann ergeben Fakten Sinn und Ordnung, geben Kontrolle über die Fakten. Werden z.B. Wahlentscheidungen nach Altersgruppen graphisch präsentiert so werden sie interpretiert, eine Betrachtung ohne Extraktion von Mustern bzw. ohne eines Narrativs oder das Eingeständnis „das sagt mir nichts“ kommen so gut wie nie vor. „Narrative Verzerrung“ kann sowohl die Anwendung als auch die Generierung von Vor-Urteilen sein. Das Sprechen über das Ergebnis nach Altersguppen zum Brexit im Vereinigten Königreich ist mit Vor-Urteilen behaftet.

Die technisch-mathematische Anwendung der Mustererkennung ist das Data Mining und Big Data. Für viele sind die Muster die Logik der Fakten, nicht etwa nur das Korrelat. Dabei kann es zu Fehlschlüssen kommen. Wäre es nicht sinnvoll in diesem Bereich von soetwas wie maschinellen Vor-Urteilen zu sprechen?

Publizität muß gewollt werden

Wie würde eigentlich Immanuel Kant das Internet finden, wäre er begeistert, wäre er entsetzt, wie würde er es nutzen? Ein Interview in der FAZ mit dem Philosophieprofessor Markus Gabriel nähert sich der Frage an. Ich empfehle den Artikel im Ganzen zu lesen. Er beleuchtet Kants Konzept der Öffentlichkeit, das sich im Internet in neuer Weise bildet. Einerseits positiv gesehen als Manifestation einer umfassende Öffentlichkeit, andererseits mit einer Geschwindigkeit und in einer Intransparenz, die die Urteilskraft beeinträchtigen kann. Diese Gedanken möchte ich vorausschicken um mit ihnen im Hinterkopf eine staatliche Praxis zu betrachten, die orthogonal zu Kants Öffentlichkeitsgedanken steht.

Umfangreiche Abhörmaßnahmen wie Prism und Tempora amerikanischer und britischer Geheimdienste, die die internationale Kommunikation betreffen werden mit Hilfe von Kants Rechts- und Geschichtsphilosopie kritisch beleuchtet. Sowohl Thomas Stadtler als auch Erbloggtes nehmen sich der kritischen gesellschaftlichen Sichtweise Kants an und analysieren das staatliche Handeln. Es ist sicher keine Überaschung, daß beide zu dem Schluß kommen, daß dieses staatliche Handeln Unrecht im Sinne Kants ist und ich mich ihrer Sichtweise anschließe. Allerdings gibt es meines Erachtens noch eine vorgelagerte, individuelle Ebene, die noch zu betrachten wäre.
Dazu möchte ich Jens Best sinngemäß zitieren, der erst neulich bemerkte, daß die Meinungsfreiheit in Deutschland nicht wohl gelitten sei. Dies bringt mich zu Kants kurzem Aufsatz Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Zu Beginn des Texte stehen die berühmten Sätze:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

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Von Nadelöhr und Erlösung

Von ethischen Fragen des Wirtschaftens liest man in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wenn überhaupt, im Feuilleton. Heute fand sich ausnahmsweise im Wirtschaftsteil ein Kommentar zu ethischen Fragen der Ökonomie mit dem Titel „Das Nadelöhr„. Der Kommentator bezieht sich auf den Katholikentag und beklagt die Hinwendung der katholischen Kirche zu den Armen und fordert die moralische und theologische Rechtfertigung von „Gründergeist, Risikofreude und Profitgier“, die er als positive persönliche Eigenschaften der Reichen sieht.

Allein schon diese Etikettierung ist widersprüchlich. Einerseits erliegt der Kommentator dem Survivorship Bias und sieht nicht die Massen der Gescheiterten, die sich ebenfalls mit den Eigenschaften von „Gründergeist, Risikofreude und Profitgier“ etikettiern lassen aber erfolglos blieben, andererseits kann unternehmerischer Erfolg aus den verschiedensten Bestimmungsgründen resultieren, die nicht in der Person liegen, einer meiner Lieblingsgründe ist der Zufall.

Weiterhin übersieht der Kommentator wichtige Konzepte des christlichen Glaubens. Da wären die göttliche Gerechtigkeit, die nicht auf dieser Welt stattfindet sondern im Himmel und die Erlösung, die von Gott gegeben wird, die man sich nicht verdienen kann Epheser 2,8-9:

Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft – Gott hat es geschenkt -, nicht aufgrund eurer Werke, damit keiner sich rühmen kann.

Die katholische Kirche ist also der falsche Adressat zur moralischen Rechtfertigung des Reichtums. Natürlich findet der Kommentator die Rechtfertigung auch nicht wirklich in der aktuellen Wirtschaftslehre, denn hier hat hier hat Bernard Mandeville seine Spuren hinterlassen. Seine Version der „Unsichtbaren Hand“, niedergelegt in der Bienenfabel, geht von einer negativen Korrelation zwischen persönlichem Verhalten und öffentlichem Nutzen aus.

Selbstverständlich wird der Kommentator auch bei Kant nicht fündig werden. Der gute Wille, die Pflicht und der kategorischen Imperativ wirken selbstlos, verfolgen keine Belohnungsabsicht. Kant würde dem Kommentator wahrscheinlich empfehlen zu versuchen sich aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien, denn nichts anderes ist die Zuschreibung der Profitgier als „Triebfeder“ guten Handelns.