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Über Alterszuschreibungen

Mit Ágnes Heller läßt sich der folgende Gedankengang entwickeln:

Das Alter ist ein objektiver Begriff. Das Alter ist mit einem Meßsystem reliabel erheb- und es ist darstellbar. Bemächtigt sich die, nach Kant apriori bei jedem Menschen vorhandene Einbildungskraft dieses Begriffs, ist es möglich über diesen objektiven Begriff alles zu denken. Die Einbildungskraft beeinflußt das Denken und umgekehrt. Die Phantasie ist in der Lage Vor-Urteile zu erzeugen.

Ältere Menschen sind risikoscheu weil sie sich ihrer Endlichkeit bewußt sind.
Ältere Menschen sind risikofreudig weil sie sich ihrer Endlichkeit bewußt sind.

Beide sich widersprechende Kausalaussagen sind in der Gesellschaft vorhanden und deshalb Vor-Urteile.

Die „narrative Verzerrung“ ist nach Nassim Taleb das Unvermögen logische Verknüpfungen zwischen einer Reihe von Fakten zu unterlassen. Das Bedürfnis einer Reihe von Fakten (kausale) Narrative oder Muster zuzuschreiben ist unwiderstehlich; erst dann ergeben Fakten Sinn und Ordnung, geben Kontrolle über die Fakten. Werden z.B. Wahlentscheidungen nach Altersgruppen graphisch präsentiert so werden sie interpretiert, eine Betrachtung ohne Extraktion von Mustern bzw. ohne eines Narrativs oder das Eingeständnis „das sagt mir nichts“ kommen so gut wie nie vor. „Narrative Verzerrung“ kann sowohl die Anwendung als auch die Generierung von Vor-Urteilen sein. Das Sprechen über das Ergebnis nach Altersguppen zum Brexit im Vereinigten Königreich ist mit Vor-Urteilen behaftet.

Die technisch-mathematische Anwendung der Mustererkennung ist das Data Mining und Big Data. Für viele sind die Muster die Logik der Fakten, nicht etwa nur das Korrelat. Dabei kann es zu Fehlschlüssen kommen. Wäre es nicht sinnvoll in diesem Bereich von soetwas wie maschinellen Vor-Urteilen zu sprechen?

Ein völlig mißlungener Buchtitel

„He’s the real deal. What he’s doing is absolutely proper stuff.“ (Nassim Taleb über Nate Silver nach Carole Cadwalladr 17.12.2012)

Nein, ich habe mich geweigert das Buch zu lesen, bis heute jedenfalls. Ein Buch mit dem Titel „Die Berechnung der Zukunft“ erscheint mir unseriös und grotesk und ich habe keinerlei Lust mich mit derlei Unsinn zu beschäftigen. Noch immer gilt für mich die Poppersche Regel, daß ich heute nicht prognostizieren kann, was ich morgen wissen werde. Die Zukunft ist offen und selbst Fantastilliarden von Rechenkapazitäten und Algorithmen werden das nicht ändern. Aber wie häufig bei Gefühlen wie Abneigung gegen so einen Buchtitel habe ich mittels Heuristiken bewertet, mit Urteilen ohne Nachdenken, mit Urteilen ohne Urteilskraft. Hätte ich einfach nur den Orginaltitel „The Signal and the Noise“ von Nate Silvers Buch richtig wahrgenommen wäre meine Reaktion statt Abneigung, sicher Interesse gewesen. Schon beim ersten Durchblättern des Buches, beim Blick in das Register wird sehr schnell deutlich, daß Titel und Klappentext dem Buch in keinster Weise gerecht werden und allenfalls europäisch verlegerischer Sensationsmache geschuldet sind. Nach den ersten vierundsechzig Seiten ist mir klar, dieses Buch schließt an die Erkenntnisse der modernen Unsicherheits- und Risikoforschung, wie durch Gerd Gigerenzer, Daniel Kahnemann und Nassim Taleb erarbeitet, an und es kann sicherlich Perspektiven erweitern.

Ich bin gespannt auf das Werk.