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Ein völlig mißlungener Buchtitel

„He’s the real deal. What he’s doing is absolutely proper stuff.“ (Nassim Taleb über Nate Silver nach Carole Cadwalladr 17.12.2012)

Nein, ich habe mich geweigert das Buch zu lesen, bis heute jedenfalls. Ein Buch mit dem Titel „Die Berechnung der Zukunft“ erscheint mir unseriös und grotesk und ich habe keinerlei Lust mich mit derlei Unsinn zu beschäftigen. Noch immer gilt für mich die Poppersche Regel, daß ich heute nicht prognostizieren kann, was ich morgen wissen werde. Die Zukunft ist offen und selbst Fantastilliarden von Rechenkapazitäten und Algorithmen werden das nicht ändern. Aber wie häufig bei Gefühlen wie Abneigung gegen so einen Buchtitel habe ich mittels Heuristiken bewertet, mit Urteilen ohne Nachdenken, mit Urteilen ohne Urteilskraft. Hätte ich einfach nur den Orginaltitel „The Signal and the Noise“ von Nate Silvers Buch richtig wahrgenommen wäre meine Reaktion statt Abneigung, sicher Interesse gewesen. Schon beim ersten Durchblättern des Buches, beim Blick in das Register wird sehr schnell deutlich, daß Titel und Klappentext dem Buch in keinster Weise gerecht werden und allenfalls europäisch verlegerischer Sensationsmache geschuldet sind. Nach den ersten vierundsechzig Seiten ist mir klar, dieses Buch schließt an die Erkenntnisse der modernen Unsicherheits- und Risikoforschung, wie durch Gerd Gigerenzer, Daniel Kahnemann und Nassim Taleb erarbeitet, an und es kann sicherlich Perspektiven erweitern.

Ich bin gespannt auf das Werk.

Die Last der Zweitstimme

Am morgigen Sonntag ist Bundestagswahl 2009. Selbstverständlich werde ich, wie an jeder Wahl – egal ob in der Kommune, im Land, im Bund oder Europa – daran teilnehmen. Meine Stimme werde ich im Wahlkreis 84 abgeben.

Die Direktkandidaten der demokratischen, im Bundestag vertretenen Parteien in meinem Wahlkreis, scheinen mir alle veritable Politikerpersönlichkeiten zu sein. Vier von ihnen habe ich persönlich getroffen und im Gespräch bzw. auf einem Diskussionspodium erlebt. Zwei von ihnen, der aktuelle Amtsinhaber sowie sein stärkster Herausforderer sind für mich in der engeren Wahl. Beide scheinen mir eigene Köpfe zu sein, die auch gegen den Strich bürsten können und dies auch in ihrer eigenen Partei zeigen. Durch das Abstimmungsverhalten des Amtsinhabers bei gewichtigen Gesetztesvorhaben im Bundestag fühle ich mich wohl vertreten. Ich bin mir sicher der Herausforderer würde in ähnlicher Art und Weise agieren. Ich habe also bei den Direktkandidaten Auswahl im „Überfluß“ und werde mich morgen vor Ort guten Gewissens für einen entscheiden können.

Die Zweitstimme zu geben stellt mich vor ein Dilemma. Rot-Grün wurde von mir mit heißem Herzen 1998 innigst herbeigesehnt um den Muff der 16 Jahre Kohl zu entsorgen und ausgerechnet diese Parteien machen Krieg als Mittel der Politik in Deutschland wieder hoffähig. Und das mit völkerrechtswidrigem Bomardement. Dieses für mich völlig unvorhersehbare Ereignis, dieser Schwarzen Schwan hat mich bis heute tief erschüttert. Über die sozialpolitischen Entscheidungen dieser Ära, deren Tiefpunkt Hartz IV war, ist alles gesagt und braucht nicht kommentiert zu werden. Abbau der Privatsphäre mit Terrorbekämpfungsgesetz, Wiedereinführung des großen Laufangriff, automatisierte heimliche Kontenabfrage, Abschußbefugnis von Passagierflugzeugen sind sicherlich eine Steilvorlage von Rot-Grün für die kruden Ideen Schäubles von Einsatz der Bundeswehr im Inneren bis hin zu Polizeiaufgaben für den Verfassungsschutz. Der Abbau von Bürgerrechten und Privatsphäre ist gut dokumentiert.
Bevor mir das Beharren auf Maximalpositionen vorgeworfen wird, nein ich bin Realist, Kompromisse sind das Resultat des politischen Geschäfts. Allerdings ist es schon ein starkes Stück 3% Mehrwersteuererhöhung als Kompromiß auszugeben, wenn man vorher gegen eine Erhöhung war und der politische Gegner 2% durchsetzen wollte. Das ist dann doch etwas gewagt.
Die Diskussion und das Abstimmungsverhalten von Rot und Grün zu Zensursula sind sicherlich nur noch ein marginaler Aspekt. Würde ich meine Zweitstimme einer dieser Parteien geben, würde ich aus meiner Sicht diese politischen Fehler legitimieren und das will ich auf keine Fall.
Im Übrigen kann ich auch nicht wirklich sicher sein, ob die von mir gewählte Partei solcherart Fehler nicht wiederholt. Wie oben geschrieben, kann ich auf das Abstimmungsverhalten des Direktkandidaten mehr vertrauen als auf das seiner Partei bzw. seiner Fraktion.

Was also tun mit der Zweitstimme? Die Wahl der Linken steht für mich außer Diskussion, die Piraten wären sicherlich eine interessante Alternative aber richtig wohl dabei ist mir nicht.
Eine einfache Möglichkeit wäre nur den Direktkandidaten zu wählen, falls die Zweitstimme zur Last wird. Eine nicht abgegebene Zweitstimme bei Abgabe der Erststimme wird dann als ungültig gewertet.