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Über das Regieren und die SPD

Ich erinnere mich noch gut an die Debatte über die Vorratsdatenspeicherung, wo mir gesagt wurde, du darfst nicht dagegen sein, weil wir regieren. Das muß anders werden!

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil im Vorwärts

Es ist schon merkwürdig. Eigentlich sollten wir meinen, eine Partei, die im Bundestag sitzt und die Möglichkeit zum Regieren hat, sollte sich auch am Regieren beteiligen. Sind sie nicht vom Wähler dazu beauftragt? Sollen sie nicht die die Interessen ihrer Mitglieder und Wähler so weit wie möglich in Gesetzesform zu bringen? Das ist in der Tat der Auftrag und eigentlich eine einfache Angelegenheit. Trotzdem ist eine Regierungsbeteiligung immer ambivalent. Wir erinnern uns an das Basta-Durchsetzen der Hartz-Sozialgesetzgebung, an das autoritäre Durchsetzen von Mehrwert-steuererhöhung und „Rente mit 67“. Eine Gesetzgebung gegen Mitglieder und Wähler. Und zwar ganz handfest und materiell spürbar in der Geldbörse. Spürbar beim „Fressen“, ausgelöst durch einen tiefen Schluck aus der neoliberalen Pulle, die vielen das Hirn vernebelt hat – sozusagen. Das Resultat ist offensichtlich. Die Mitglieder und Wähler haben sich in Scharen abgewandt. Die Möglichkeit der Therapie sehen wir wiederum – im Regieren. Und zwar meinen wir ein Regieren, das umsetzt was ausverhandelt ist und daß sich erratischer breitbeiniger und autoritärer Basta-Handlungen enthält. Gerade das erratische, wie auch die Vorratsdatenspeicherung von Regierungsmitgliedern der SPD ohne Not wieder ins Spiel gebracht wurde, ist zukünftig zu unterlassen. Und Kritik am erratischen Handeln muß selbstverständlich werden. Die SPD ist in der Pflicht zu korrigieren und besserzumachen, was ihre Regierungsmitglieder vorher eingerissen haben. Flucht in die Opposition ist dazu unzureichend.

Über die Sache mit Schulle

In der Sache „Martin Schulz“ ist seine Person nicht wirklich von erstem Interesse. Er hat gehandelt wie er handeln konnte, was für ihn möglich war. Rätselhaft und paradox sind die Reaktionen des Publikums. Darunter seien Journalisten, Parteifreunde, Parteivorstand und Delegierte gemeint. Als ob er ihnen als Erlöser erschienen wäre, die Berichte voll Lobpreisungen, mit 100 Prozent gewählt – Blumenkränze und Hosiannagesänge. Und am Ende dann Hohn, Spott und Mißachtung. Wie kann das sein? Die Euphorie am Beginn, resultiert die aus der Freude über den Rückzug seines Vorgängers, der ihnen zur Qual geworden war oder war sie eine Art Selbstbeweihräucherung? Die Negativität am Ende, camoufliert sie die Scham des Irrtums am Beginn? Darüber wäre nachzudenken.

Über die Physik der leeren Plastikflaschen im Winter

Leere Plastikflaschen, genauer gesagt leere Wasserflaschen, werden beim Discounter des Vertrauens zurückgegeben. Auch hier handelt es sich um einen Leergutautomaten, der aber mit seinen technischen Eigenschaften und als sozialer Ort vollständig anders erscheint als andere. Wir thematisierten das bereits hier. Im Winter wirkt nun die Physik auf die leeren Flaschen in besonderer Weise ein. Die Luft in den geschlossenen leeren Flaschen wird durch die niedrigen Temperaturen heruntergekühlt, erzeugt einen Unterdruck beult die Flaschen nach innen ein. Das wiederum hat zur Folge, daß die Lesesensorik bei Eingabe der verbeulten Flaschen stark überfordert ist und diese nicht angenommen werden. Also müssen die Eingebenden diese regelmäßig händisch in ihre ursprüngliche Form zurückbringen. Aber paradox ist, daß, sobald der Automat sie angenommen hat, sie von ihm mit lautem Schmatzen so flach wie möglich gepresst werden.

Über betrunkene Algorithmen

Wir machen es uns einfach und vermeiden den Begriff Künstliche Intelligenz sowie Smarte Maschinen. Wir nennen das Ergebnis eines ausgeführten Algorithmus „Entscheidung“ wohl wissend, daß eigentlich nur Menschen entscheiden können. Algorithmus steht in unserem Falle einfachhalber auch für ein ganzes Bündel von Algorithmen, für Millionen Zeilen Maschinenschrift. Entscheidend ist, daß dieser Algorithmus eine Entscheidung über Menschen trifft ohne daß das Ergebnis von einem anderen Menschen geprüft wurde und somit als alleinige Entscheidung im Raum steht.
Um doch etwas Komplexität in den Gedanken zu bringen nehmen wir an, der Algorithmus besäße Emotionen. Dazu sei jetzt nicht notwendigerweise Bewußtsein notwendig. Auf einem Panel wird der Algorithmus, der negative Emotionen zeigt und Entscheidungen trifft „betrunkener Algorithmus“ genannt. Nicht nur ein betrunkener Algorithmus sondern ganz grundsätzlich ein Algorithmus mit Emotionen ist etwas, das viele Menschen erschreckt.

Über die Wurst und Bier 2018 – Der Tag

Nach dem Prolog steht nun der große Tag an. Bei strahlendem Sonnenschein ist es zunächst nicht sehr voll in der Markthalle Neun, das ändert sich zum Nachmittag hin rapide. Drei Sessions mit jeweils vier Flights stehen auf dem Programm:

  1. American Dream – klassische Combos der US-Craft Beer Szene
  2. Beyond Borders – Biere jenseits des Reinheitsgebotes in Kombination mit außergewöhnlichen Fleischwaren
  3. „Heute stehen wir nicht mehr auf“ – nachtschwarze Biere und wohlige Pates für eine winterschlafähnliche Bettschwere

Eine vollständige schriftliche oder bildliche Protokollierung der Sessions ist leider unmöglich.
Beeindruckend ist tatsächlich das Angebot an dunklen Bieren – Stout oder Porter. Großartig ist der Geschmack von „Cookie Monster“, einem Stout aus einer polnischen Brauerei.

Photos von den Sessions gibt es auf „horax sammelt hier“ und zwar hier und hier sowie vom Drumherum hier und hier.

Über die Wurst und Bier 2018 – Der Prolog

Zwei Stunden lang dauert der Prolog, mit dem schönen Titel „Großes Wurst & Bier Tasting“, zur diesjährigen „Wurst und Bier“. In sechs Flights werden wurstige Köstlichkeiten und dazu harmonierende Biere verkostet. Schon die Geruchsproben an den Würsten sind eine Offenbarung. Leider findet eine schriftliche Protokollierung nur unzureichend statt, hier ein listenartiger Überblick:

  1. Geräucherter Hausmacher Leberwurst, Käsekrainer dazu Gose
  2. Heißgeräucherter Bauchspeck dazu Saison mit Lemongras
  3. Rehsalami, reine Rindfleischsalami dazu Mango Sour Ale
  4. Argentinisch inspirierte Blutwurst dazu IPA
  5. Salami mit Fichtennadeln und Blauschimmel, Steinbocksalami dazu New England IPA mit Apfelsaft und Fichtennadeln
  6. Chorizo dazu Stout

Die Biere kommen von Heidenpeters und Ödipus, die Wurst von Kumpel und Keule. Bilder von der Verkostung gibt es auf „horax sammelt hier“.

Der letzte Besuch auf der „Wurst und Bier“ war 2015.

Über die Spießigkeit

Hanno Rauterberg schreibt im Feuilleton der „Die Zeit“ vom 1.2.2018 folgende Sätze:

Und dieses Verlangen, alles Unkontrollierbare abzuspalten, erinnert doch stark an das leitende Lust- und Lebensprinzip der Gegenwart: an Cola ohne Zucker und Koffein, Bier ohne Alkohol, den Rausch ohne Rausch. An Schnitzel vom garantierte glücklich getöteten Schwein. An all die schizoiden Versuche des Gegenwartsmenschen, seine Gelüste auszuleben, das aber mit besten Gewissen.

Wir wollen dieses Handeln als Spießigkeit und die Handelnden als Spießer bezeichnen. Allerdings unterscheidet sich dieser Spießer vom Spießer und der Spießigkeit der jungen Bundesrepublik bis Anfang der achziger Jahre. Jener war kleinbürgerlich und religiös angehaucht. Der heutige gibt sich jakobinerhaft in seiner Spießigkeit. Beide Arten der Spießigkeit haben wir mit höchstem Erstaunen betrachtet. Und wir wenden uns derweil leise lächelnd unserem Bier und unserer Wurst zu.

Über die Unleidlichkeit

Unleidlichkeit wollen wir hier als als ein Gefühl der Mißmutigkeit oder Mißgelauntheit verstehen. Unleidlich können wir, ähnlich der Dankbarkeit, gegenüber Personen, dem „Höchsten“, den Dingen und der Welt sein. Und unleidlich können wir, ebenfalls wie dankbar, gegen uns selbst sein. Temporäre Unleidlichkeit mag für die Hygiene des Geistes unerläßlich sein, dauerhafte Unleidlichkeit erfüllt die Umgebung des Unleidlichen mit Kälte und Mißachtung und der Unleidliche erzeugt diese ebenfalls in sich selbst. Dankbarkeit, zwar nicht der logische Gegensatz zu Unleidlichkeit, scheint uns ein geeigneteres Verhältnis zur Welt zu sein.

Über einen Versuch zu Dankbarkeit

Auf den ersten Blick fällt uns auf, dass Dankbarkeit anders gedacht werden muss als das Interesse. Beim Interesse konnten wir mit Alain Caillé das „Interesse an“ und das „Interesse für“ sachlogisch unterscheiden. Dankbar sind wir ausschließlich „für“. Allerdings ist dieses „dankbar für“ nicht allein eine soziale Verbindung zwischen Individuen sondern dankbar kann ich dem „Höchsten“ sein wie aber auch einem „Ding“, einer Institution, einer Organisation oder auch längst Verstorbenen. Dankbarkeit richtet sich also direkt an die Welt. Eine spannende Frage, die uns überhaupt dazu bringt über Dankbarkeit nachzudenken, ist:

Können wir uns selbst dankbar sein?

Wir suchen eine Antwort mit Hannah Arendt [1], die über  „… das stumme Zwiegespräch zwischen mir und mir selbst.“ schreibt. Da wir uns als einem Ganzen in Zwei aufteilen können, die sich mit dem Medium der Sprache austauschen, so kann selbstverständlich „mir“ dem „mir selbst“ dankbar sein.

[1] Hannah Arendt: Vom Leben des Geistes: Das Denken Das Wollen, 1998, Seite 182

Über Einzeller und künstebezogene Praktiken

Als Einzeller wäre der Mensch unsterblich. Da der Mensch kein Einzeller ist, ist er auch sterblich. Scheint logisch.

Eine schwedische Studie zeigt, so Winfried Menninghaus in „Wozu Kunst?“ auf Seite 274:

Das Resultat ist eindeutig: Regelmäßigkeit und Häufigkeit künstebezogener Praktiken werden mit geringer Mortalitätsrate belohnt.

Solche Praktiken seien Selbermusizieren, Schreiben, Theaterspielen, Malen, Bildhauern aber auch Konzert-, Museums-, Theaterbesuche und Besuche von Lesungen oder Lesen. Künstebezogene Praktiken gehen also mit einem längeren, vielleicht auch besserem Älterwerden einher. Bei aller Vorsicht bei der Interpretation der Ergebnisse und aller Vorsicht einer Annahme unkritischer Kausalität, könnte in der Vermutung Kants „ästhetische Lust führe ein Gefühl der Beförderung des Lebens bei sich“ (Menninghaus S.275) doch ein Körnchen Wahrheiten enthalten. Es kann sicherlich nicht schaden, sich künstebezogenen Praktiken zuzuwenden.