Figuration des Badetuchs

Die Kulturtechnik der Körperpflege ist uralt und wurde bereits von den Ägyptern vor tausenden von Jahren betrieben. In der heutigen Welt und hier insbesondere in Hotels, scheint diese Kulturtechnik auf wundersame Weise aufgespalten zu sein. Als Indiz dafür betrachten wir das Badetuch. Befinden wir uns in unserem ganz persönlichen Bereich – in unserem Zuhause – so verwenden wir nach jeder Gelegenheit des Duschens oder Badens ein Badetuch. Das Badetuch ist groß und sehr weich. Es umschmeichelt unseren Körper, es streichelt uns, es spendet uns Wärme, es liebt uns und unseren Körper ohne Einschränkung. Begeben wir uns auf Reisen und wollen uns nach dem Duschen oder Baden auf dem Hotelzimmer in das Badetuch hüllen so treffen wir auf etwas höchst Unerfreuliches. Das Badetuch hat die Größe eines Taschentuchs, es ist kaum als Lendenschurz zu gebrauchen, es kratzt und duftet oft genug streng nach Desinfektionsmittel. Wir halten uns mit ihm so kurz wie möglich auf, nutzen das bißchen Trockeneigenschaft die es hat und flüchten so schnell wie möglich in unsere Wäsche. Ganz anders tritt uns das Badetuch im sogenannten Spa oder Schwimmbad eben des gleichen Hotels entgegen. Meist in beruhigender hellblauer Farbe, in imposanter Größe und mit einer Weich- und Zartheit, wie wir sie nur von unserem heimischen Badetuch kennen, wird es uns umhüllen. Wie kann das sein? Aufgrund welcher Gründe erscheinen uns unterschiedliche Badetücher und teilen uns in welche Figuration auf?

Unser erster fast zwangsläufiger Gedanke ist der an die kapitalistische Maschinerie. Der Markt kennt bekanntlicherweise weder Moral noch Verwandte sondern einzig Quantitäten. Auf dem Markt müssen Unternehmen Kosten reduzieren und Gewinne maximieren. Und sie schaffen sich auch noch mit Apellen an den Gast zur Umwelthygiene – benutze Dein (Zimmer)Badetuch mehrmals! – weitere Vorteile. Einzig will uns nicht verständlich werden warum sie dies nicht auf den Gast des Schwimmbads ausdehnen – benutze Dein (Zimmer)Badetuch auch im Schwimmbad. Allein dies kann logischwerweise die Antwort des Marktes sein.

Unser zweiter Gedanke geht zurück ins 19. Jahrhundert und sieht die Körperpflege als disziplinarische Veranstaltung, als eine zwangsweise von Obrigkeit und Gesellschaft verordnete Tätigkeit. Diese beinhaltet kein Amusement sondern wird rational und effizient durchgeführt. Auch diese Tätigkeit stützt sich auf Quantitäten, auf Maße, auf das Maß der Zeit, hier insbesondere die Kürze der Zeit. Aber auch der Gedanke erklärt uns nicht die unterschiedliche Formation des Badetuchs.

Ein dritter Gedanke beruft sich zum Teil ebenfalls auf das Maß der Zeit, diesmal unter anderem Vorzeichen. Ein Gast, der die Muße hat sich in ein Spa oder Schwimmbad zu begeben, der den Alltag negiert, diesem Gast wird besondere Aufmerksamkeit zuteil. Der Gast, der sich der Kontemplation hingibt, der also wenigstens zeitweise sein praktisches aktives Verhalten abstellt, der ist reich an Zeit und somit besonderer Ehrerbietung würdig. Er verdient ein Badetuch, das jeder, der zu sich selber steht, daheim benutzt.

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