Archiv der Kategorie: kulturtechnik

Das Wahllokal

Früher[TM] war unser Wahllokal eine richtige Wirtschaft, Kneipe, Restaurant. „Zum eisernen Gustav“ hieß die Räumlichkeit, sie existiert weiterhin am Mehringplatz als Restauration aber unter anderem Label. (Die Suchmaschine des Vertrauens findet sie samt einiger Bilder aus der Zeit) Am Wahltag wählten wir zuerst in einem Hinterzimmer, Rauchverbote gab es nicht und auch dort wurde nach meiner Erinnerung kräftig gequalmt. Nach dem Wahlakt begaben wir uns an die Theke, schraubten zwei, drei Pilsetten zu Frühschoppen und gingen danach heim. Heutzutage ist unser Wahllokal das AOK-Servicecenter. Ist das dieses Älterwerden…? Sicher nicht aber irgendwie symbolisch scheint es mir doch zu sein. Entwickelte sich die Gesellschaft in eine Richtung, an der sich das festmachen ließe? Selbstoptimierung, Veggiedays, Fitness versus Weiter-entwicklung, Friß-die-Hälfte und Erhalt der Gesundheit. Parafiskus versus Kneipe. Diese Gegensätze lassen sich aufsetzten. Aber hey – Spaß sollte sein und deshalb werde ich in einer guten Stunde rüber ins Willy-Brandt-Haus zu Wahlparty mit Biertrinken und Fachsimpeln gehen.

Der seltsame Schalter

Die Kulturtechnik der Konservierung durch Temperaturentzug ist weit verbreitet und auch in unserem Haushalt üblich. Die Technik jedoch, namentlich der Eisschrank (als Swarm/Foursquare Location auch Bierschrank genannt) erwartet in regelmäßigen zeitlichen Abständen Pflege: Der Eisschrank will abgetaut werden. Das überlegende Gemüt denkt sich – nichts einfacher als das – Eisschrank abstellen, ausräumen, abtauen, wischen, trocknen lassen, einräumen, anstellen. Um auf Nummer sicher zu gehen wird die Bedienungsanleitung bemüht. Die lacht sich eins ins Fäustchen und beschreibt den Vorgang des Abstellens mit Temperaturwähler auf Null stellen und Stecker ziehen. Das bringt den Leser in Verlegenheit, ist doch der Eisschrank ein Unterbauschrank und die Steckdose auf der Rückseite und ohne große Räumungen unerreichbar. Und was ist eigentlich mit dem Schalter an der rechten Innenwand? Ist dort ein Aus- und Einschalten des Geräts möglich? Der Schalter selbst und seine Funktion sucht der Leser in der Bedienungsanleitung vergeben. Leichtes Unbehagen stellt sich ein. Nach mehrmaligem Durchsuchen der Ablage mit den Bedienungsanleitungen der verschiedenen Haushaltsgeräten zeigt sich unschlüssig ein gefaltetes Dreifachblatt ohne Titel auf der Vorderseite. Natürlich im letzten Eck der Ablage. Und zaghaft enthüllt das Blatt tatsächlich die Funktion des seltsamen Schalters. Mit dem Schalter wird ein Eisschrankturbo angelassen, sollte die Umgebungstemperatur des Geräts unter vierzehn Grad sinken. Darauf muß man erstmal kommen….

Urlaub ohne Mobile

Die Holde liest in der gedruckten Version der Tageszeitung des Vertrauens und bemerkt, anlässlich eines Artikels zum zwanzigsten Todestag von Lady Di, daß wir genau an diesem Tag im Urlaub waren. Ich erinnere mich, wir waren in Tunesien und ich sah auch die Sonderberichterstattung zum Unfall im TV-Sender CNN. Ich erinnere mich an die Hotelanlage, den Strand, die Lage des Zimmers zum Meer – seitlicher Meerblick genannt – und das Essen. Ich frage nach Urlaubsbildern, doch wir rätseln ob wir überhaupt Photos machten. Und während ich die Frage ausspreche wird mir klar, daß wir vor zwanzig Jahren keine Mobiles, geschweige denn Mobiles mit Kameras hatten. Ein seltsames Gefühl beschleicht mich, eine Zeit ohne Mobiles erscheint mir fast undenkbar oder besser gesagt weit zurückliegend, eine Ewigkeit her. Da drängt sich der Gedanke auf, ob es ein Zuviel an Gebrauch gibt. Ich denke nicht, denn wir werden sicher auch dafür eine Kulturtechnik der mobilen/digitalen Kommunikation/Medialität entwickeln ob nun das Mobile ein Ding bleibt oder ob es eine Erweiterung meines Leibes ist. Aber irgendwie, in einer für mich noch nicht beschreibbaren Art und Weise, durchdringen wir uns schon gegenseitig ….

iPhone-Display

iPhone-Display

Der Gürtel – mein Buddy

Technisches Manifest der futuristischen Malerei:

Wir werden die Sofas, auf denen wir sitzen und die Sofas werden wir.

Der Gürtel reiste mit mir in die USA nach San Fransisco und das Silicon Valley, nach Ägypten auf eine Nilkreuzfahrt, nach Tunesien, auf die Insel Rügen, nach Kiel, nach Köln zu Karneval und an jede Menge weiterer Orte. Er wurde von über zwei Dekaden in Griechenland, auf Chalkidiki, genauer gesagt der Kassandra, gekauft. Seitdem begleitet er mich täglich. Nur ein einziges (modisches) Accessoire, trage ich länger. Er besteht aus dickem Leder, schwarzgefärbt mit einer metallischen Schnalle und eingraviertem Herstellerlogo. An seine Ursprungsform und Beschaffenheit erinnere ich mich nicht. Heutzutage ist er schmiegsam und weich, war er mal steif und störrisch? Der Gürtel ist handwerklich bearbeitet und somit ein Einzelstück. Diese Handarbeit strukturiert die mediale Qualität des Gürtels, gelangt die handwerkliche Arbeit des Produzenten direkt in meine Hände. Davon ist natürlich durch den jahrelangen Gebrauch nichts mehr zu erkennen.

Gürtel

Gürtel

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Über unverständliche Werbung

Werbung sollte verständlich sein um zu wirken. Dies ist eine Voraussetzung über die kaum nachgedacht wird, so banal scheint sie zu sein. So gibt es die Plurk App in deutscher Sprache. (Plurk ist ein Social Media Dienstleister und in Asien sehr erfolgreich. Ich nutze Plurk seit 2008) Die dort ausgelieferte Werbung von Unternehmen in Form von Antworten auf das eigene Geschriebene wird jedoch nur in chinesischer Schrift gezeigt. Wer kein Chinesisch beherrscht versteht die Werbung nicht. Möglicherweise betrachtet der ein oder die andere zu Beginn der „Plurkkarriere“ die ikonographische und geheimnisvolle Form der Schriftzeichen, die auch als ästhetisch schön empfunden werden können, etwas länger. Aber – die Werbung wird nicht den gewünschten Effekt erreichen. Die Auslieferung in chinesischen Schriftzeichen zeigt, daß die Werbetreibenden oder genauer Plurk die angesprochenen Nutzer zur selben Sprachgemeinschaft zählen. Damit scheint die Ansprache als Person gegeben zu sein. Aber ist es das wirklich, fühlt sich der Nutzer durch automatisierte und damit hochfrequente, unverständliche Werbung als Person angesprochen? In dem Kontext wäre die Frage eher zu verneinen.

Gehen

Derjenige der ruht, besitzt alle Reichtümer. Ist es nicht dasselbe für denjenigen, dessen Fuß von einem Schuh umschlossen ist und der geht, als ob die ganze Erdoberfläche von Leder bedeckt wäre?

Dieses Zitat von Henry David Thoreau steht am Beginn des Buches „Lob des Gehens“ von David Le Breton. Ein unterhaltsames Buch, das zum Nach-Denken anregt, das ich aber nur bis Seite 75 geschafft habe. Über das Gehen als Sport berichtet die Sonntagszeitung auf fast einer ganzen Seite. Dieser Bericht beschreibt die abnehmende Akzeptanz der Sportart durch Verantwortliche von Olympischen Spielen und anderen Wettbewerben. Mangelnde mediale Attraktivität könnte man vermuten, mangelnde Einschaltquoten. Der Artikel bewegt mich tatsächlich dazu mir das 50 km-Gehen und das 20 km-Gehen als Liveberichtertstattung im Rahmen der Leichtathletikweltmeisterschaften im TV anzusehen. So verbringe ich gute fünf Stunden auf der Couch und sehe anderen beim Gehen zu. Was das nun mit Le Bretons Buch zu tun hat? Eigentlich nicht viel, ich hole es aus dem Regel, blättere ein wenig darin und komme zum Entschluß es (irgendwann) zu Ende zu lesen. Was mir allerdings nicht einfällt ist das Haus zu verlassen und einmal in gemächlichem Tempo durch meinen Kiez oder Kreuzberg zu gehen.