Archiv der Kategorie: kulturtechnik

Über eine Frage zur Geschichte

Vergangene Ereignisse sind nicht seriell wie auf die Perlenschnur gezogen betrachtbar.  Geschichtliche Zeit ist ungleich der physikalischen Zeit, sie stellt Ereignisse in einen Deutungszusammenhang. Geschichtliche Zeit birgt Brüche in ihrem Ablauf. Ereignisse sind gebrochen zueinander. Wahrheit hat einen Zeitkern. Vergangene Ereignisse sind nicht unabhängig von uns. Unsere Bewertung, unser Nachdenken über die vergangenen Ereignisse verändern sie.

Was bedeutet das für das Auftauchen und Verschwinden von Welt-anschauungen? Ist der Rückfall in barbarische Zustände somit möglich?

Über Gewürzseife

Der eigene Name ist gelebte Individualität. Der eigene Geruchssinn ist uralt. Sich selber nicht riechen zu können ist eine lustige Metapher, die aber nicht präferiert wird. Mit seinem eigenen Duft zu leben gilt lebenslang. Gewürzseife hat einen Wohlgeruch.

Über das Putzen vor dem Putzen

Viele Privathaushalte beschäftigen eine Reinigungskraft. Beschäftigen meint hier ein ökonomisches Tauschverhältnis. Viele Menschen putzen regelmäßig bevor die Reinigungskraft beginnt und ebenda dasselbe tut. Das scheint etwas merkwürdig zu sein, wird aber sofort einsichtig sobald der Grund erkannt wird. Sie wollen der Reinigungskraft zeigen wie das Ergebnis auszusehen hat. Soweit, so gut aber wenn dies aber zur Regelmäßigkeit wird sei die Frage erlaubt warum das Tauschverhältnis nicht beendet und ein anderes eingegangen wird? Ist diese Art von Tauschverhältnis wirklich ein rein ökonomisches oder tritt da noch etwas anderes, Vermitteltes, hinzu?

Über ein Schreibprogramm

Die Rechtschreib- und Grammatikkorrektur des Schreibprogramms markiert das Wort „Adiaphorisierung“ als falsch geschrieben.  Das in der Korrektur enthaltene Vokabular ist unzureichend.  Aber es schleicht sich der Gedanke ein, das Programm selbst sei adiaphorisiert.

Über das ringende iPad

Vier oder fünf Jahre sind, beim heutigen Stand der Technik, für ein iPad eine sehr, sehr lange Zeit. Es ist eine Seniorin und manchmal zeigt es auch Gebrechen. Der Home-Button ist so eine Schwachstelle. In ihm sedimentiert sich besonders das Zusammenspiel zwischen iPad und der Besitzerin. Je nach Intensität der Nutzung dringen mikroskopisch kleine Partikel des Home-Buttons in die Haut des Fingers der Besitzerin ein, ebenso dringen Hautpartikel der Besitzerin in die oberste Lackschicht des iPads ein. Zudem verändert der Druck der Besitzerin den Home-Button und seine Gängigkeit. Aber das iPad nimmt noch mehr von der Besitzerin auf: Gedanken, die verschriftlicht werden und im Gerät abgespeichert werden. Mathematische Operationen führt das iPad in verschiedenen Applikationen für die Besitzerin durch. Durch das Speichern von Informationen und durch das Rechnen ist es eben auch Geist und zeigt eine Ähnliches wie Intelligenz. Geht das iPad verloren oder ist es defekt, so ist auch der Geist der Besitzerin in Mitleidenschaft gezogen wenn das Gespeicherte nicht mehr verfügbar ist und mathematische Operationen nicht mehr durchführbar sind.

Manchmal ist beobachtbar wie ein gebrechliches iPad ringt. Es ringt mit sich selber und mit der Besitzerin. Mal zeigt sich der Home-Button störrisch, funktioniert er tadellos. Ist das ein Hinweis darauf, daß es nicht ersetzt oder deaktiviert werden will?  Denn beide sind sich im Laufe ihrer gemeinsamen Zeit buchstäblich nähergekommen. Und zumindest eine von Beiden weiß das auch.

Über Live Canning

Aktuell läuft die Berlin Beerweek. Zwei Events dem Live Canning gewidmet, dem Abfüllen von Craftbier vor Publikum. Das regt zum Nachdenken an.

Aus der Fadheit industriell produzierter Biere hat sich die Craftbierszene entwickelt. Diese Szene wächst. Das Brauen besonderer Biere deren Geschmack im Gegensatz zur Fadheit der industriellen Biere steht scheint ein Schritt zur Ästhetisierung der Brauwirtschaft zu sein. Die Hervorhebung sinnlicher Wahrnehmung, die Betonung von besonderem Genuß und Geschmack deuten darauf hin. Dass es die Beerweek überhaupt gibt zeigt u.a. die Eventisierung rund um das Craftbier. Auch das Live Canning ist als Event Teil davon aber noch mehr. Während des Events setzt es den Druck künstlerischer Etiketten auf die Dosen die Ästhetisierung fort. Die Anzahl der Dosen sind limitiert. Die Dosen werden zum Kunstwerk und zum Sammlerobjekt. Das Publikum beim Live Canning wird so zur Anhängerschaft. Und diese wird wiederkommen… Ästhetisierung und Eventisierung katechisieren auch die Gläubigen, die Craftbiertrinkenden.

Über das Organigramm

Das Organigramm ist ein merkwürdiges Ding. Linien und Kreise, Kästchen und Dreiecke, Pfeile und Buchstaben breiten sich auf der zweidimensionalen Fläche aus, sei sie aus Papier oder sei sie ein Bildschirm. Sie stellen etwas dar, was eigentlich drei- – nein – mehr- oder multidimensional ist. Sie stellen soziale Verhältnisse zwischen Personen oder Personengruppen dar, reduziert um die vielen Eigenheiten der Personen selber. Sie sind eine hierarchische und kommunikative Konstellation. Sie zeigen von den Personen ihr Verhältnis zueinander in Bezug auf Befehl und Gehorsam. Diese Reduktion der Komplexität menschlicher Eigenheiten und Verhältnisse auf Befehl und Gehorsam und die Zweidimensionalität der Fläche sind zusammenbetrachtet einerseits grotesk andererseits aber interessant anzusehen. Grotesk: das Oben und das Unten auf dem Organigramm entsprechen Befehl und Gehorsam in der Organisation, ein Bild der Macht und der Ohnmacht. Interessant: wer steht darauf? Wer hat hier das Sagen? Das Organigramm zeigt die Adiaphorisierung der Menschen durch die Organisation. Die visualisierten Positionen des Organigramms, die weit voneinander entfernt sind, sei es vertikal, horizontal oder auch diagonal haben sich nichts zu sagen, sie zeigen organisierte Gleichgültigkeit.

Über den Wasserrohrbruch

Der Luxus des täglichen Duschens wird erst dann bewußt sobald er verschwunden ist. Zwei Heißwasserrohrbrüche an zwei Tagen hintereinander bringen das zur Geltung. Nach dem ersten Rohrbruch ist am Tag darauf eine Möglichkeit vorhanden – lauwarmes Wasser ohne Druck ist in der Leitung. Keine überzeugende Sache. Nach dem zweiten Rohrbruch ist das Heißwasser nun restlos abgestellt, tagsüber auch die Kaltwasserleitung. Die Feuerwehr pumpt ab, 300 m3 . Aus einem Gulli auf dem Platz vor dem Haus sprudelt es wieder heraus.

Der Wasserkocher wird umfunktioniert – oder doch nicht – er tut ja was er soll. Die Verwendung des erhitzten Wassers ist eine andere. Waschlappen werden eingesetzt – unschön. Die wunderbare Kulturtechnik der Körperpflege regressiert. Wie lange wird das Heißwasser wohl abgestellt sein? Das Fell beginnt bereits zu jucken …

Über das Schreiben des Wortes Schwein

Auf über fünfzig verschiedene Arten wird das Wort Schein auf diesem Artefakt geschrieben. Und zwar vor langer Zeit…

Artefakt aus der Ausstellung "Fleisch" im Alten Museum Berlin

Artefakt aus der Ausstellung „Fleisch“ im Alten Museum Berlin

Über das Surprenieren

Sprache kann überraschen, kann Rätsel aufgeben, gebiert Wohlklang. In einem Text über Leibniz wird folgendes wiedergegeben: Liselotte von der Pfalz schreibt in einem Brief an den Hannoverschen Oberstallmeister Christian Friedrich von Harling zum Tode von Gottfried Wilhelm Leibniz, dass sie der „schleunige tod von dem armen herrn von Leibniz surpreniert“ habe.
Surpreniert meint „überrascht“ und kommt von dem  Alt-Französischen „sorprendre“.

Surprenieren ist ein wohlklingendes Wort, so aus der Welt gefallen und einfach schön. Es sollte mehr auf Twitter genutzt werden.