Schlagwort-Archive: Berlin

Freitag ist Würsteltag (6)

Ich stehe vor der gläsernen Metzgerei und schaue den Kollegen beim Wursten zu. Und ich habe Glück, sie kreieren eine neue Bratwurst. Eine Bratwurst, halb mit Rind- und Schweinefleisch, dazu Frühlingszwiebeln und die Fleischmasse wird Brlo Porter aromatisiert. Diese Wurst ist ein Versprechen aber sie bereitet auch Kopfzerbrechen – welches Bier begleitet hervorragend wenn kein Porter zur Hand ist?

„On Tap“ sind sechs Biere, von denen ich zwei sofort exkludiere. Die Thirsty Lady und das Gastbier, ein Sauerbier, werden dem eigensinnigen Aroma der Wurst nicht gerecht werden. Das heutige Mosaic Session IPA ist sehr floral, der Grund des Fasses ist erreicht, das „Dicke“ wird ausgeschenkt. Es zeigt sich zaghaft und wird den Geschmack nicht unterstützen wollen. Das IPA, mein Freund Mäx nennt es das Holunderblütenbier, ist blumig aber mit schönen Blumen ist der Rauheit der Wurst nicht beizukommen. Das New England IPA hat stramme 7% ist aber fragil zur Dominanz der Wurst. Allein das American IPA mit einer ungestümen Hartnäckigkeit ist einereits in der Lage dem Aroma der Wurst Paroli bieten zu können und andererseits unkonventionell genug eben dieses Aroma zurückhaltend aber vortrefflich zu unterstützen.

Bratwurst aromatisiert mit Porter dazu ein American IPA

Bratwurst aromatisiert mit Porter dazu ein American IPA

Zitat aus einem Roman

Ich nehme John Steinbecks Roman „Reise mit Charly“ zur Hand und schlage zufällig eine Seite auf und lese folgende Sätze:

Ein Tier, daß irgendwo gelagert hat oder durchgezogen ist, hinterläßt geknickte Grashalme, Fußspuren und vielleicht Losung, aber ein Mensch, der sich eine Nacht lang in einem Zimmer aufgehalten hat, drückt ihm seinen Charakter, seine Biographie, seine jüngere Geschichte und manchmal auch seine Zukunftspläne und Hoffnungen auf. Ich glaube auch, daß die Persönlichkeit eines Menschen irgendwie in die Wände einsickert und sich nur langsam wieder aus ihnen löst.

Diese Sätze elektrisieren mich ist doch das wechselseitige Verhältnis der Menschen zu Dingen äußerst spannend. Zugleich denke ich an einen Satz aus dem Technischen Manifest der futuristischen Malerei:

Wir werden die Sofas auf denen wir sitzen, und die Sofas werden wie wir.

Wie wird das wechselseitigen Verhältnis der Menschen zu den Dingen, die „im Internet sind“ sein?

Die auferstandene Lederjacke

Wer kennt sie nicht, die sockenfressenden Ungeheuer, die sich Waschmaschinen nennen. Daß Kleiderschränke ebenso sein können, ihre Beute überraschenderweise ohne großen Kampf wieder hergeben, das ist mir neu. Ich habe in den Tiefen unseres Kleiderschranks eine alte Lederjacke gefunden. Sie stammt aus den achziger Jahren des vorigen Jahrhundert. Die Marke existiert nicht mehr, im Internet findet man auf den einschlägigen Plattformen von Privatpersonen Angebote dieser Marke zum Pfennigpreis. Die Jacke ist ein wenig zerknittert und ihr Geruch ist eine Mahnung. Sie riecht nach altem Tabakrauch – seltsam – ich muß wohl selber mal geraucht haben – die Erinnerung daran ist fast verblaßt. In einer Innentasche befindet sich eine Packung Taschentücher, ebenso herrlich tabakrauchduftend, und eine Einladung zur SPSS-Roadshow in Berlin aus dem Jahr 1999. Geschlagene achtzehn Jahre war diese Jacken vom Kleiderschrank verschluckt. Ich muß allerdings zugestehen, ich hatte sie vollkommen vergessen und auch nicht vermißt. Ich werde sie gleich anziehen, mit ihr zum Discounter des Vertrauens gehen und ihr zeigen, wie sich Kreuzberg seit der Jahrhundert-/-tausendwende verändert hat. Was sie wohl darüber denkt?

Lederjacke

Lederjacke

Die Sau ist ein Mastodon

Dieser Tage wird, in Sachen Mikroblogging, eine Sau namens Mastodon durchs Dorf getrieben. Im Gegensatz zu Twitter und dem Gesichtsbuch werden diesem Dienst die üblichen Heilsversprechen wie Dezentralität, Open Source und antikapitalistische Haltung zugeschrieben. Natürlich bin ich vollkommen begeistert und in meiner tiefsitzenden Neomanie melde ich sofort einen Account auf einer Instanz an. Leider ist auf der „Urinstanz“ „mastodon.social“ wegen Überfüllung keine Anmeldung möglich und so versuche ich es auf „hostux.social“, was problemlos klappt. Auf der Suche nach Mails von dieser Instanz, die im Spam-Ordner verschwinden, stelle ich fest, daß ich Mails von der „Urinstanz“ erhielt und somit bereits dort einen Account dort eröffnete.

Mastodon

Mastodon

Das ist schon geschlagene fünf oder sechs Monate her. Merkwürdig, daß ich mich nicht erinnere; wurde der Dienst einfach uninteressant?

Unterschiedliche Grade des Nichtstuns

Ziemlich schnell erfolgt nach den üblichen Begrüßungsfloskeln beim wöchentlichen Wochenendanruf die Frage: „Was habt ihr gemacht?“. „Nichts, und selber?“. „Nichts“. Diese „Nichts“ sind jedoch Grade unterschiedlicher Aktivität; ihnen ist ein Gemeinsames inne, nämlich, daß die Wohnung nicht verlassen wird. Mein „Nichts“ ist ein wirkliches Nichtstun, das von den Tätigkeiten Sonntagzeitungen und Buch lesen, von der Couch an den Esstisch und zurück schleppen, sowie einigen kurzen Aktivitäten zum Überleben eingerahmt ist. Dieses wird auch an meinem sonntäglichen Umfang von unter 1800 Schritten deutlich. Das „Nichts“ der Gesprächspartner ist eben kein wirkliches Nichts sondern umfaßt vielfältige Tätigkeiten wie Balkon sommerfest machen, Wohnung saugen, Wäsche waschen und im Keller aufhängen u.v.m. Mein „Nichts“, das ich voller Inbrunst tue läßt mich jedoch im Gespräch unsicher sein, es stellt sich sogar ein wenig Scham ein. Gut, daß die Gesprächspartner dies durch das Telephon nicht bemerken…

Flotter Vierer (1)

Brewdog Berlin Mitte hat ein interessantes Takeover. Neuseeländische Brauereien präsentieren ihre Biere. Ich stehe hilflos vor der Tafel, denn ich kenne weder die Brauerein noch läßt sich aus der überwiegenden Mehrheit der angebotenen Genüsse nicht unbedingt Sorte und Brauart erschließen. Ich frage die Barfrau um Rat, genauer gesagt ich frage welche sie am liebsten trinkt und bitte sie mir einen „Flotten Vierer“ nach ihren Vorlieben zusammenzustellen. Das Ergebnis ist köstlich.

Flotter Vierer "New Zealand takeover"

Flotter Vierer „New Zealand takeover“

Ich trinke nach Rücksprache mit der Barfrau in folgender Reihenfolge:

1. Hippy Berliner von 8 Wired mit 4%, sehr erfrischendes Sauerbier
2. Saison Sauvin von 8 Wired mit 7%, ein schönes Saison, bananig hopfig
3. Gunnamatta von Yeastie Boys mit 6,5%, ein IPA mit Earl Grey (aromatisiert, wunderbar zitronig, mild, einfach rund
4. Big Smoke von 8 Wired mit 6,2%, ein Porter, allerdings ein wenig zuviel Rauch

Beim nächste Takeover werde ich wieder dabei sein.

GML-Taschenmesser

Ich suche in der Küchenschublade den Entklammerer. Da fällt mir ein kleines schwarzes Etui auf, das ich vorher noch nie gesehen hatte (meine ich). Es enthält ein Taschenmesser mit etwa acht Zentimeter Klingenlänge. Dabei liegt ein kleiner Zettel mit der Aufschrift GML-Taschenmesser sowie EVP 9,40. Ich denke letzteres meint Ostmark, denn ich gebe in die Suchmaschine des Vertrauens „GML“ ein und erhalte als Ergebnis „Genossenschaft der Messerschmiede Leegebruch“. Auf der Seite des Geschichtsvereins Leegebruch finden sich mehr Informationen darüber.

Auch die Holde kann sich nicht erklären wie das Messer dorthin kommt. Wir sind beide verwirrt.

GML-Taschenmesser

GML-Taschenmesser

Reißwolftage

Ja natürlich ich weiß es … Ablage machen ist unangenehm, freudlos aber notwendig. Zwei Tage lang persönliche Akten sortieren, schreddern, neue Ordner anlegen, so stelle ich mir Urlaub nicht vor. Allerdings muß ich mich selbst loben, die vor Jahrzehnten eingeführte Kategorisierung innerhalb der Ordner hält noch. Die Frage ist nun ob die regelmäßige Aktualisierung der Ablage freudvoller ist als das Procedere einmal am Stück zu machen. Ich bin mir da nicht sicher …

Über die Cocktailstunde

Bestimmt gibt es ernsthafte kulturhistorische Betrachtungen der Cocktailstunde. Mir selbst ist die Beschreibung der Cocktailstunde eher aus der Literatur, genauer gesagt aus der Krimiliteratur bekannt. Ich denke an Agatha Christie und Hercule Poirot. Meist treffen sich Menschen zu einer mehr oder weniger festgelegten Uhrzeit,  meist bevor es das Dinner beginnt und der weitere Abend in unterschiedlicher Form verbracht wird. Sie nehmen ein paar Cocktails und unterhalten sich.

Cocktailstunde

Cocktailstunde

Die Cocktailstunde erlebe ich selber meist im Urlaub, einmal die Woche aber auch in der Gastronomie in der Nachbarschaft. Zur Cocktailstunde nehme ich grundsätzlich zwei Runden, bestehend aus einem Bier für den Durst und einem Cocktail für den Geschmack. Entgegen der Üblichkeit verbringe ich die Cocktailstunde allein, ohne Gespräch mit anwesenden Personen. Ich lese Zeitungen, die ich nicht abonniert habe oder bringe ein Buch mit.

Cocktailstunde

Cocktailstunde

Bei Letzterem findet also ein Gepräch mit dem Author statt oder ein Gespräch zwischen mir und mir selbst über das Gelesene.

Cocktailstunde

Cocktailstunde

Die meiste Zeit jedoch ist die Cocktailstunde reine Kontemplation, völlig aufmerksamkeitslos, mit frei flottierenden Gendanken.

Cocktailstunde

Cocktailstunde

Die seltsame Sache mit dem Klo

Fahre ich mit der Bahn oder bin im Flieger unterwegs so gibt es Klos unabhängig vom Geschlecht und niemanden stört das. Die alten Römer saßen vor zwei Jahrtausenden, unabhängig vom Geschlecht, gemeinsam auf dem Donnerbalken und tauschten sich über den neuesten Tratsch aus, während sie ihr Geschäft verrichteten. Neulich war ich auf einer Unisextoilette in einem Restaurant. Sie hat ein Pissbecken für die Stehpinkler, einen Sitz zum Kacken und für die Sitzpinkler, ein ordentliches Waschbecken und ist abschließbar. Seltsam ist, daß dies obskur sein soll.

Unisextoilette

Unisextoilette