Schlagwort-Archive: fun

Über die großzügige Kasse

Sommerschlußverkauf 2018. Kaufhäuser werben mit Zeitungsbeilagen um Kundinnen für ihre Produkte. Die Orginalpreise im Vergleich zu den reduzierten Preisen sollen das Geld im Portemonnaie der möglichen Kundinnen lockern. Ein weiterer reduzierter Preis falls die mögliche Kundin 2 Stück des Produkts nimmt. Zwar ist Geld ausgegeben eben ausgegeben und nicht mehr da aber wen kümmert es im Moment des Bezahlens. Einmal gehen lassen, nur einmal… An der Kasse dann die Überraschung. Statt des Nehmen-Sie-2-Stück Preises soll die Kundin noch einmal deutlich weniger zahlen. Verwirrung macht sich breit. Die Kassiererin weiß die Antwort: „Die Kasse war es!“. Dieser Ausspruch entlastet die Beteiligten am Bezahlprozeß, die Kassiererin und die Kundin. Die einhellige Meinung ist, die Maschine habe recht – nur warum bloß? Die Kundin wird das Ergebnis nicht hinterfragen. Warum aber nicht die Kassiererin?

Über das Organigramm

Das Organigramm ist ein merkwürdiges Ding. Linien und Kreise, Kästchen und Dreiecke, Pfeile und Buchstaben breiten sich auf der zweidimensionalen Fläche aus, sei sie aus Papier oder sei sie ein Bildschirm. Sie stellen etwas dar, was eigentlich drei- – nein – mehr- oder multidimensional ist. Sie stellen soziale Verhältnisse zwischen Personen oder Personengruppen dar, reduziert um die vielen Eigenheiten der Personen selber. Sie sind eine hierarchische und kommunikative Konstellation. Sie zeigen von den Personen ihr Verhältnis zueinander in Bezug auf Befehl und Gehorsam. Diese Reduktion der Komplexität menschlicher Eigenheiten und Verhältnisse auf Befehl und Gehorsam und die Zweidimensionalität der Fläche sind zusammenbetrachtet einerseits grotesk andererseits aber interessant anzusehen. Grotesk: das Oben und das Unten auf dem Organigramm entsprechen Befehl und Gehorsam in der Organisation, ein Bild der Macht und der Ohnmacht. Interessant: wer steht darauf? Wer hat hier das Sagen? Das Organigramm zeigt die Adiaphorisierung der Menschen durch die Organisation. Die visualisierten Positionen des Organigramms, die weit voneinander entfernt sind, sei es vertikal, horizontal oder auch diagonal haben sich nichts zu sagen, sie zeigen organisierte Gleichgültigkeit.

Über das den-Wolken-winken

Touristen gehen meist an dem Nachbarschaftspark vorbei. Ganz selten setzen sich bei freundlichem Wetter einige jüngere Besucher der Stadt an seinen Rand oder mitten auf die Wiese auf ein kaltes Bier. Die Süffel flezen morgens schon auf ihrer Lieblingsbank und später bei Sonnenhochstand am Rande des Podests im Schatten. Einige Frauen unterschiedlichen Alters machen es sich auf einer Bank bequem. Tabak ist eine ihrer Leidenschaften, sie rauchen Shisha und Zigaretten, nur kleinere Pausen werden dazwischen gemacht. Der kleine Junge läuft mit seitlich in Schulterhöhe gehaltenen Händchen auf die Gruppe Tauben zu und versucht eine zu erwischen. Mürrisch setzten sie zum Flug an, der aber nur ein Hopser ist und lassen sich einige Meter weiter nieder. Das Spiel beginnt von vorn. Die Hundebesitzerinnen lassen ihre Lieblinge frei herumlaufen. Man kennt sich, schwätzt miteinander und geht auf der Wiese auf und ab. Der kleine Junge folgt den Hunden und versucht mutig den Schwanz des größeren Hundes zu erreichen. Angst kennt er keine, dafür sorgt sich seine Mutter  nimmt ihn hoch und bringt ihn zur Parkbank mit den Frauen. Sie lachen. Der kleine Junge büxt der Gesellschaft aus und läuft auf der Wiese umher. Ab und zu bleibt er stehen, legt den Kopf in den Nacken kneift die Augen etwas zusammen und winkt lächelnd in die Höhe. Winkt er den Wolken? Was spielt sich in seiner Phantasie ab?

Über den Wasserrohrbruch

Der Luxus des täglichen Duschens wird erst dann bewußt sobald er verschwunden ist. Zwei Heißwasserrohrbrüche an zwei Tagen hintereinander bringen das zur Geltung. Nach dem ersten Rohrbruch ist am Tag darauf eine Möglichkeit vorhanden – lauwarmes Wasser ohne Druck ist in der Leitung. Keine überzeugende Sache. Nach dem zweiten Rohrbruch ist das Heißwasser nun restlos abgestellt, tagsüber auch die Kaltwasserleitung. Die Feuerwehr pumpt ab, 300 m3 . Aus einem Gulli auf dem Platz vor dem Haus sprudelt es wieder heraus.

Der Wasserkocher wird umfunktioniert – oder doch nicht – er tut ja was er soll. Die Verwendung des erhitzten Wassers ist eine andere. Waschlappen werden eingesetzt – unschön. Die wunderbare Kulturtechnik der Körperpflege regressiert. Wie lange wird das Heißwasser wohl abgestellt sein? Das Fell beginnt bereits zu jucken …

Über Kobolde in der Steigleitung

Wenn es wahr ist, dass Kobolde in Fahrstühlen wohnen, dann scheinen andere Orte des Hauses ebenfalls geeignete Wohnstätten zu sein. Alles was unter dem Begriff Versorgungstechnik zu subsummieren ist beinhaltet adäquate Örtlichkeiten. Kobolde sind scheu und zeigen sich nicht. Jedoch unmittelbar sinnliche Erfahrung kann mit dem Schabernack derjenigen Kobolde gemacht werden, die in Steigleitungen leben.

Ein oszillierender Wasserstrahl, geringer Druck und geringe Menge wechseln sich ab mit hohem Druck und höherer Menge, beweist das. Insbesondere wenn die Oszillation den Kaltwasserstrang betrifft ist der Duschende und seine Thermorezeption einer unmittelbaren Kälte- und Hitzeerfahrung ausgesetzt, die ungewollt mit lautstarken Äußerungen höchster Überraschung begleitet werden.

Sollte jedoch einmal der Warmwasserstrang betroffen sein so ist die sinnliche Erfahrung eine andere. Der Duschende ist gezwungen in der Mischbatterie das kalte Wasser zu minimieren und stellt die Mischbatterie auf heißeste Stufe und höchste Menge. Denn nur so ist ein Duschen wenigstens mit lauwarmen Wasser halbwegs möglich.

Fließt überhaupt kein Wasser ist es sicher, dass die Kobolde in den Steigleitungen schallend lachend und sich die Bäuche haltend ihren Streich genießen.

Über den Fortschrittsglauben in der sozialdemokratischen Philosophie

Wird doch unsere Sache alle Tage klarer und das Volk alle Tage klüger.
Josef Dietzgen, Sozialdemokratische Philosophie

Der zitierte Satz wirkt. Ein wohlig-warmes Kribbeln verbreitet sich rund um Magen und Zwerchfell, ein weiteres Kribbeln fließt von der Schädeldecke ins Genick und auf dem Mund des Lesers wird ein nichtbewußtes Lächeln gezaubert. Ja – der Satz rührt an und sicher beruht er auch auf der Wirklichkeit, auf das was Josef Dietzgen in seiner Zeit beobachten konnte. Nur scheint der Satz einen irgendwie unwirklichen totalen Fortschrittglauben zu enthalten. Dies mag aus der damaligen Perspektive gerechtfertigt, ja die Hoffnung gewesen sein. Was würde Josef Dietzgen sagen, könnte er heute, 130 Jahre nach seinem Tod auf die Welt sehen? Er würde wohl sagen, er habe sich geirrt, Fortschritt, insbesondere gesellschaftlicher Fortschritt ist nicht selbstverständlich, Rückschritte sind immer möglich. Vielleicht kann gesellschaftlicher Fortschritt auch ganz zurückgedreht werden. Gesellschaftlicher Fortschritt und Rückschritt sind in der Zeit bedingt. Einzig technischer Fortschritt scheint voranzugehen. Und gibt es eigentlich heute noch eine sozialdemokratische Philosophie? Und wie sehe die dann aus?

Über das Schreiben des Wortes Schwein

Auf über fünfzig verschiedene Arten wird das Wort Schein auf diesem Artefakt geschrieben. Und zwar vor langer Zeit…

Artefakt aus der Ausstellung "Fleisch" im Alten Museum Berlin

Artefakt aus der Ausstellung „Fleisch“ im Alten Museum Berlin

Über ein Stillleben mit Schuhen

Wenn der Ranzen nach dem Dinner spannt und die Sättigungsmüdigkeit den Geist ergreift ist nur ein einfaches Bild von Dingen vor dem Haus möglich.

Stillleben

Stillleben

Über den Blick von einer Brücke

Falls die Mitteilsamkeit nicht wirklich sprudeln will, jedes Wort nur mit Mühe einfällt und die Sätze sich nicht zusammenfügen wollen, dann hilft der kontemplative Blick von einer Brücke.

Blick von der Weidendammer Brücke

Blick von der Weidendammer Brücke

Über das Surprenieren

Sprache kann überraschen, kann Rätsel aufgeben, gebiert Wohlklang. In einem Text über Leibniz wird folgendes wiedergegeben: Liselotte von der Pfalz schreibt in einem Brief an den Hannoverschen Oberstallmeister Christian Friedrich von Harling zum Tode von Gottfried Wilhelm Leibniz, dass sie der „schleunige tod von dem armen herrn von Leibniz surpreniert“ habe.
Surpreniert meint „überrascht“ und kommt von dem  Alt-Französischen „sorprendre“.

Surprenieren ist ein wohlklingendes Wort, so aus der Welt gefallen und einfach schön. Es sollte mehr auf Twitter genutzt werden.