Schlagwort-Archive: Philosophie

Gehen

Derjenige der ruht, besitzt alle Reichtümer. Ist es nicht dasselbe für denjenigen, dessen Fuß von einem Schuh umschlossen ist und der geht, als ob die ganze Erdoberfläche von Leder bedeckt wäre?

Dieses Zitat von Henry David Thoreau steht am Beginn des Buches „Lob des Gehens“ von David Le Breton. Ein unterhaltsames Buch, das zum Nach-Denken anregt, das ich aber nur bis Seite 75 geschafft habe. Über das Gehen als Sport berichtet die Sonntagszeitung auf fast einer ganzen Seite. Dieser Bericht beschreibt die abnehmende Akzeptanz der Sportart durch Verantwortliche von Olympischen Spielen und anderen Wettbewerben. Mangelnde mediale Attraktivität könnte man vermuten, mangelnde Einschaltquoten. Der Artikel bewegt mich tatsächlich dazu mir das 50 km-Gehen und das 20 km-Gehen als Liveberichtertstattung im Rahmen der Leichtathletikweltmeisterschaften im TV anzusehen. So verbringe ich gute fünf Stunden auf der Couch und sehe anderen beim Gehen zu. Was das nun mit Le Bretons Buch zu tun hat? Eigentlich nicht viel, ich hole es aus dem Regel, blättere ein wenig darin und komme zum Entschluß es (irgendwann) zu Ende zu lesen. Was mir allerdings nicht einfällt ist das Haus zu verlassen und einmal in gemächlichem Tempo durch meinen Kiez oder Kreuzberg zu gehen.

Was weiß ich schon?

Wissen scheint in der Philosophie ein gar seltsames Ding zu sein. Danach kann Wissen nur durch Erfahrung und/oder Nach-Denken gewonnen werden. Wären dies die einzigen Möglichkeiten müßte ich mich eigentlich fragen: „Was weiß ich schon?“. Denn es ist doch ziemlich klar, daß ich das meiste Wissen durch andere Menschen vermittelt bekommen habe. Eltern, Lehrer, Freunde – eine Vorlesung an der Universität; ich könnte eine Perspektive einnehmen diese Personen als Medien zu betrachten, die Wissen übertragen. Aber dieses Wissen soll gar kein Wissen sein? Das ist seltsam… Aber – was weiß ich schon?

Die Kraft meiner Worte

Der Schöpfer-Gott erschafft die Welt durch das Wort. Der Schöpfer-Gott handelt durch das Wort. Der Schöpfer-Gott spicht in Wort und Tat: „Es werde Licht!“ Und es ward Licht. Mein Wort ist nicht demiurgisch: „Es werde Spiegelei!“ Und nichts passiert. Ein Mensch eben…

Mit bestem Dank an Frau Krämer für diesen inspirierenden Moment.

Du hackst Computer – ich hacke die Welt

„Du hackst Computer – ich hacke die Welt“ sagt MacGyver in der erste Folge des Reboots der TV-Erfolgsserie aus den achtziger Jahren um eine neue Kollegin für das Team zu gewinnen. Die ersten Kritiken des Reboots sind eher durchwachsen, ich gebe dem Reboot eine Chance.

Aber nicht die Serie an sich ist interessant sondern die Denkungsart, die Problemlösungsart des Protagonisten – die eines Bricoleurs. Und die Figur des MacGyver ist das filmgewordene Ideal des Bricoleurs. Heutzutage manifestiert sich diese Denkungsart des Tüftlers sozial und kulturell in der Gestalt des Makers oder Makerbewegung. Das ist spannend zu beobachten …

Überwältigende Erkenntnis

Wenn einen die Erkenntnis überwältigt ist das ein großartiges Gefühl. Wenn einen die Erkenntnis überwältigt, daß Ereignisse nicht aufgrund von Verschwörung oder Bosheit sondern durch Zufall ausgelöst werden ist das erleichternd möglicherweise auch ambivalent und sogleich stellen sich weitere Fragen. Warum hab ich das nicht gleich gesehen? Warum ärgere ich mich über meine Blindheit? Und natürlich eine Menge Fragen mehr. Introspektion ist nicht immer einfach und negative Emotionen können einerseits hilfreich sein, andererseits besteht die Gefahr eines dauerhaften gedanklichen Lock-In-Effekts.

Das Wetter ist großartig, der Himmel blau und den Menschen freundlich zugewandt, die Sonne lacht und erwärmt mit ihrer ganz eigenen Zuneigung die Luft.

Erstmal ein Bier zur Abkühlung und über die Freude eines befreiten Kopfes…

American IPA

American IPA

Zitat aus einem Roman

Ich nehme John Steinbecks Roman „Reise mit Charly“ zur Hand und schlage zufällig eine Seite auf und lese folgende Sätze:

Ein Tier, daß irgendwo gelagert hat oder durchgezogen ist, hinterläßt geknickte Grashalme, Fußspuren und vielleicht Losung, aber ein Mensch, der sich eine Nacht lang in einem Zimmer aufgehalten hat, drückt ihm seinen Charakter, seine Biographie, seine jüngere Geschichte und manchmal auch seine Zukunftspläne und Hoffnungen auf. Ich glaube auch, daß die Persönlichkeit eines Menschen irgendwie in die Wände einsickert und sich nur langsam wieder aus ihnen löst.

Diese Sätze elektrisieren mich ist doch das wechselseitige Verhältnis der Menschen zu Dingen äußerst spannend. Zugleich denke ich an einen Satz aus dem Technischen Manifest der futuristischen Malerei:

Wir werden die Sofas auf denen wir sitzen, und die Sofas werden wie wir.

Wie wird das wechselseitigen Verhältnis der Menschen zu den Dingen, die „im Internet sind“ sein?

Unterschiedliche Grade des Nichtstuns

Ziemlich schnell erfolgt nach den üblichen Begrüßungsfloskeln beim wöchentlichen Wochenendanruf die Frage: „Was habt ihr gemacht?“. „Nichts, und selber?“. „Nichts“. Diese „Nichts“ sind jedoch Grade unterschiedlicher Aktivität; ihnen ist ein Gemeinsames inne, nämlich, daß die Wohnung nicht verlassen wird. Mein „Nichts“ ist ein wirkliches Nichtstun, das von den Tätigkeiten Sonntagzeitungen und Buch lesen, von der Couch an den Esstisch und zurück schleppen, sowie einigen kurzen Aktivitäten zum Überleben eingerahmt ist. Dieses wird auch an meinem sonntäglichen Umfang von unter 1800 Schritten deutlich. Das „Nichts“ der Gesprächspartner ist eben kein wirkliches Nichts sondern umfaßt vielfältige Tätigkeiten wie Balkon sommerfest machen, Wohnung saugen, Wäsche waschen und im Keller aufhängen u.v.m. Mein „Nichts“, das ich voller Inbrunst tue läßt mich jedoch im Gespräch unsicher sein, es stellt sich sogar ein wenig Scham ein. Gut, daß die Gesprächspartner dies durch das Telephon nicht bemerken…

Minuten unterschiedlicher Dauer

Ich stehe auf dem U-Bahnhof Hallesches Tor und warte auf den Zug. Vier Minuten bis Ankunft. Die Sonne scheint und so gehe ich zur Erbauung langsam bis zum Ende des Bahnsteigs und wieder zurück. Dies dauert ungefähr zwei Minuten. Die Fahrzeitanzeige zeigt immer noch vier Minuten an. Zwei weitere Minuten vergehen – immer noch vier Minuten bis Ankunft des Zuges. Solche sich dehnenden Minuten kenne ich selbstverständlich aus langer Erfahrung, doch auch der ärgste Skeptiker lernt hier in der Nahverkehrsmatrix die Nichtlinearität der Zeit. Natürlich machte ich auch die Erfahrung in der anderen Richtung: Aus vier oder fünf Minuten wurden im Bruchteil eines Wimpernschlages nur noch eine Minute Wartezeit. Die atmende Zeit ist ein gar faszinierendes Ding.

Printsonntag

Heute ist Sonntag und neben mir auf der Couch stapeln sich diverse Zeitungen in einem Umfang, der mich trefflich eine Weile beschäftigt hält. Die Sonntagszeitung des Vertrauens, die Sonntagsausgabe der Tageszeitung des Vertrauens, zwei Wochenzeitungen, sowie noch Teile der Freitags-, Sonnabends- bzw. Wochenendausgabe zweier weiterer Tageszeitungen. Von Letzteren allerdings nur die Feuilleton-, Gesellschafts- und Stilteile. Feuilleton sowie Gesellschaft und Stil sind Rubriken, deren Inhalt ich weniger als Rauschen empfinde als Nachrichten in den Politik- und Wirtschaftsteilen. Und die relevanten Angelegenheiten aus Politik oder Wirtschaft werden (zumindest seit Schirrmacher) im Feuilleton diskutiert. Heute frage ich mich ob dieser Zeitungs-Lese-Umpfang eine eine Art Eskapismus darstellt, denn auch andere Angelegenheiten verlangen eigentlich meine Aufmerksamkeit, denen ich mich so bequem entziehen kann.

Über Alterszuschreibungen

Mit Ágnes Heller läßt sich der folgende Gedankengang entwickeln:

Das Alter ist ein objektiver Begriff. Das Alter ist mit einem Meßsystem reliabel erheb- und es ist darstellbar. Bemächtigt sich die, nach Kant apriori bei jedem Menschen vorhandene Einbildungskraft dieses Begriffs, ist es möglich über diesen objektiven Begriff alles zu denken. Die Einbildungskraft beeinflußt das Denken und umgekehrt. Die Phantasie ist in der Lage Vor-Urteile zu erzeugen.

Ältere Menschen sind risikoscheu weil sie sich ihrer Endlichkeit bewußt sind.
Ältere Menschen sind risikofreudig weil sie sich ihrer Endlichkeit bewußt sind.

Beide sich widersprechende Kausalaussagen sind in der Gesellschaft vorhanden und deshalb Vor-Urteile.

Die „narrative Verzerrung“ ist nach Nassim Taleb das Unvermögen logische Verknüpfungen zwischen einer Reihe von Fakten zu unterlassen. Das Bedürfnis einer Reihe von Fakten (kausale) Narrative oder Muster zuzuschreiben ist unwiderstehlich; erst dann ergeben Fakten Sinn und Ordnung, geben Kontrolle über die Fakten. Werden z.B. Wahlentscheidungen nach Altersgruppen graphisch präsentiert so werden sie interpretiert, eine Betrachtung ohne Extraktion von Mustern bzw. ohne eines Narrativs oder das Eingeständnis „das sagt mir nichts“ kommen so gut wie nie vor. „Narrative Verzerrung“ kann sowohl die Anwendung als auch die Generierung von Vor-Urteilen sein. Das Sprechen über das Ergebnis nach Altersguppen zum Brexit im Vereinigten Königreich ist mit Vor-Urteilen behaftet.

Die technisch-mathematische Anwendung der Mustererkennung ist das Data Mining und Big Data. Für viele sind die Muster die Logik der Fakten, nicht etwa nur das Korrelat. Dabei kann es zu Fehlschlüssen kommen. Wäre es nicht sinnvoll in diesem Bereich von soetwas wie maschinellen Vor-Urteilen zu sprechen?