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Zitat aus einem Roman

Ich nehme John Steinbecks Roman „Reise mit Charly“ zur Hand und schlage zufällig eine Seite auf und lese folgende Sätze:

Ein Tier, daß irgendwo gelagert hat oder durchgezogen ist, hinterläßt geknickte Grashalme, Fußspuren und vielleicht Losung, aber ein Mensch, der sich eine Nacht lang in einem Zimmer aufgehalten hat, drückt ihm seinen Charakter, seine Biographie, seine jüngere Geschichte und manchmal auch seine Zukunftspläne und Hoffnungen auf. Ich glaube auch, daß die Persönlichkeit eines Menschen irgendwie in die Wände einsickert und sich nur langsam wieder aus ihnen löst.

Diese Sätze elektrisieren mich ist doch das wechselseitige Verhältnis der Menschen zu Dingen äußerst spannend. Zugleich denke ich an einen Satz aus dem Technischen Manifest der futuristischen Malerei:

Wir werden die Sofas auf denen wir sitzen, und die Sofas werden wie wir.

Wie wird das wechselseitigen Verhältnis der Menschen zu den Dingen, die „im Internet sind“ sein?

Unterschiedliche Grade des Nichtstuns

Ziemlich schnell erfolgt nach den üblichen Begrüßungsfloskeln beim wöchentlichen Wochenendanruf die Frage: „Was habt ihr gemacht?“. „Nichts, und selber?“. „Nichts“. Diese „Nichts“ sind jedoch Grade unterschiedlicher Aktivität; ihnen ist ein Gemeinsames inne, nämlich, daß die Wohnung nicht verlassen wird. Mein „Nichts“ ist ein wirkliches Nichtstun, das von den Tätigkeiten Sonntagzeitungen und Buch lesen, von der Couch an den Esstisch und zurück schleppen, sowie einigen kurzen Aktivitäten zum Überleben eingerahmt ist. Dieses wird auch an meinem sonntäglichen Umfang von unter 1800 Schritten deutlich. Das „Nichts“ der Gesprächspartner ist eben kein wirkliches Nichts sondern umfaßt vielfältige Tätigkeiten wie Balkon sommerfest machen, Wohnung saugen, Wäsche waschen und im Keller aufhängen u.v.m. Mein „Nichts“, das ich voller Inbrunst tue läßt mich jedoch im Gespräch unsicher sein, es stellt sich sogar ein wenig Scham ein. Gut, daß die Gesprächspartner dies durch das Telephon nicht bemerken…

Minuten unterschiedlicher Dauer

Ich stehe auf dem U-Bahnhof Hallesches Tor und warte auf den Zug. Vier Minuten bis Ankunft. Die Sonne scheint und so gehe ich zur Erbauung langsam bis zum Ende des Bahnsteigs und wieder zurück. Dies dauert ungefähr zwei Minuten. Die Fahrzeitanzeige zeigt immer noch vier Minuten an. Zwei weitere Minuten vergehen – immer noch vier Minuten bis Ankunft des Zuges. Solche sich dehnenden Minuten kenne ich selbstverständlich aus langer Erfahrung, doch auch der ärgste Skeptiker lernt hier in der Nahverkehrsmatrix die Nichtlinearität der Zeit. Natürlich machte ich auch die Erfahrung in der anderen Richtung: Aus vier oder fünf Minuten wurden im Bruchteil eines Wimpernschlages nur noch eine Minute Wartezeit. Die atmende Zeit ist ein gar faszinierendes Ding.

Printsonntag

Heute ist Sonntag und neben mir auf der Couch stapeln sich diverse Zeitungen in einem Umfang, der mich trefflich eine Weile beschäftigt hält. Die Sonntagszeitung des Vertrauens, die Sonntagsausgabe der Tageszeitung des Vertrauens, zwei Wochenzeitungen, sowie noch Teile der Freitags-, Sonnabends- bzw. Wochenendausgabe zweier weiterer Tageszeitungen. Von Letzteren allerdings nur die Feuilleton-, Gesellschafts- und Stilteile. Feuilleton sowie Gesellschaft und Stil sind Rubriken, deren Inhalt ich weniger als Rauschen empfinde als Nachrichten in den Politik- und Wirtschaftsteilen. Und die relevanten Angelegenheiten aus Politik oder Wirtschaft werden (zumindest seit Schirrmacher) im Feuilleton diskutiert. Heute frage ich mich ob dieser Zeitungs-Lese-Umpfang eine eine Art Eskapismus darstellt, denn auch andere Angelegenheiten verlangen eigentlich meine Aufmerksamkeit, denen ich mich so bequem entziehen kann.

Über Alterszuschreibungen

Mit Ágnes Heller läßt sich der folgende Gedankengang entwickeln:

Das Alter ist ein objektiver Begriff. Das Alter ist mit einem Meßsystem reliabel erheb- und es ist darstellbar. Bemächtigt sich die, nach Kant apriori bei jedem Menschen vorhandene Einbildungskraft dieses Begriffs, ist es möglich über diesen objektiven Begriff alles zu denken. Die Einbildungskraft beeinflußt das Denken und umgekehrt. Die Phantasie ist in der Lage Vor-Urteile zu erzeugen.

Ältere Menschen sind risikoscheu weil sie sich ihrer Endlichkeit bewußt sind.
Ältere Menschen sind risikofreudig weil sie sich ihrer Endlichkeit bewußt sind.

Beide sich widersprechende Kausalaussagen sind in der Gesellschaft vorhanden und deshalb Vor-Urteile.

Die „narrative Verzerrung“ ist nach Nassim Taleb das Unvermögen logische Verknüpfungen zwischen einer Reihe von Fakten zu unterlassen. Das Bedürfnis einer Reihe von Fakten (kausale) Narrative oder Muster zuzuschreiben ist unwiderstehlich; erst dann ergeben Fakten Sinn und Ordnung, geben Kontrolle über die Fakten. Werden z.B. Wahlentscheidungen nach Altersgruppen graphisch präsentiert so werden sie interpretiert, eine Betrachtung ohne Extraktion von Mustern bzw. ohne eines Narrativs oder das Eingeständnis „das sagt mir nichts“ kommen so gut wie nie vor. „Narrative Verzerrung“ kann sowohl die Anwendung als auch die Generierung von Vor-Urteilen sein. Das Sprechen über das Ergebnis nach Altersguppen zum Brexit im Vereinigten Königreich ist mit Vor-Urteilen behaftet.

Die technisch-mathematische Anwendung der Mustererkennung ist das Data Mining und Big Data. Für viele sind die Muster die Logik der Fakten, nicht etwa nur das Korrelat. Dabei kann es zu Fehlschlüssen kommen. Wäre es nicht sinnvoll in diesem Bereich von soetwas wie maschinellen Vor-Urteilen zu sprechen?

Wo ist der Ort des kulturellen Diskurses?

Vom achtzehnten bis zum zwanzigsten Jahrhundert waren die Salons und Kaffeehäuser die Orte des kulturellen Diskurses. Ágnes Heller schreibt in ihrem Buch „Die Welt der Vorurteile“ über diese vorurteilsfreien Diskussionen. Einige Charakteristika der Gespräche als lose Aufzählung:

Jeder darf sprechen. Es gibt keinen Neid, keinen Ehrgeiz, keine Frustration, keine Überlegenheit. Niemand spricht ad hominem. Es wird nichts entschieden, Konsens ist unnötig. Die Freude am Gespräch ist das einzige Interesse.

Wo sind in unserer Zeit die Orte des Gesprächs um des Gesprächs willen? Die einzigen Orte die ich gefunden habe sind die Bierbars, die ich (gelegentlich) besuche…

Urlaubslektüre

Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit passe ich diesmal die Urlaubslektüre Ort und Zeit an. In der kalten Jahreszeit ist an der Ostsee ein kontemplatives Liegen am Strand in der Sonne samt Lauschen der Wellen und ihrer meditativen Wirkung eher unangemessen. Gehen am Strand und auf der Promenade sowie durch die Wälder des Naturschutzgebiet Granitz sind das Gebot der Stunde. Begleitend dazu ist David Le Bretons Essay „Lob des Gehens“ im Gepäck. Ich darf nicht vergessen zu recherchieren ob ein Essay über den Mittagsschlaf publiziert ist, denn der Mittagsschlaf ist ein Zustand in den ich im Urlaub ohne willentliche Anstrengung falle. Das will ich verstehen.

Ein weiteres Buch mit vielen Essays zu den kleinen Dingen des Lebens, die aber einiges über die Gesellschaft als Ganzes sagen, reist ebenfalls mit. Tilman Allerts Sammlung „Latte Macchiato“ liest sich vergnüglich und führt immer wieder zu Aha-Erlebnisse. Titel wie „Die Zukunft des Grandhotels“, „Vom gemeinsamen Mahl zur Tischflucht des modernen Menschen“ oder „Weihnachten feiern. Eine Typologie der Ritualität“ sprechen für sich selbst. Sie sind ein Lesevergnügen während eines Hotelaufenthalts mit gutem Essen kurz vor Weihnachten.

Alte Freunde sprechen miteinander

Im Januar häufen sich Geburtstage. Alte Freunde, auch die, die sich über das Jahr kaum sehen, rufen einander an um sich ihrer Wertschätzung zu versichern. Das ist ein angenehmes Ritual, ein Ritual das die Zeit strukturiert, das das Ende eines Zeitraums versöhnlich abchließt und ein neuen Abschnitt markiert und somit Zeitverbrauch eine klein wenig die Grundlage entzieht. Alte Freunde unterhalten sich über den Zeitraum seit dem letzten Gespräch und natürlich, da sie Alte Freunde sind, von Früher. Ein Thema über das sich die Alten Freunde in diesem Jahr erstmalig etwas intensiver unterhalten ist ihr Alter. Ihr offizielles ist bereits eines, das für sie früher unerreichbar schien, da sie mit Sechzehn dachten mit Fünfzig wären die Menschen uralt und sie selber bereits mit Dreißig tot. Und überhaupt, als Kinder fühlten sie zwar irgendwie die Endlichkeit aber klar war, daß der älteste der Alten Freunde zuerst und der jüngste zuletzt ginge. Die Alten Freunde stellen also im Gespräch fest, daß es ein Alter des Leibes und ein Alter des Inneren, des Geistes oder wie immer man das auch nennen möchte, gibt. Und das Alter des Leibes und das Alter wie sich die Alten Freunde fühlen ist doch sehr unterschiedlich. Die Alten Freunde kommen überein, daß das innere Alter irgendwann stehengeblieben ist, einen Zeitpunkt festzulegen ist schwierig, vielleicht gar bei achtzehn Jahren oder doch bei einundzwanzig oder wann? Das ist keine einfache Sache. Wie führt man also ein gutes Leben wenn der Leib älter ist als das Innere? Dazu noch in einer Gesellschaft, die öffentliche Ambivalenzen privatisiert hat, sodaß sich die Individuen selber in verschiedenen durchökonomisierten Kontexten wie Beruf, Freizeit oder gar Partnerschaft zum Produkt tranformieren müssen um auf dem jeweiligen Markt bestehen. Die Alten Freunde machen es sich da eher einfach – sie versuchen diesen Druck zu ignorieren. Im Gegenteil, das Wissen um die Diskrepanz von äußerem und inneren Alter setzt sie aus bestimmten Konkurrenzsituationen frei, die sie sich von der Bühne aus lustvoll betrachten. Das Leben als Statler und Waldorf ist herrlich!

Monothematik

Man photographiert Dinge um sie aus dem Sinn zu verscheuchen. (Franz Kafka nach Gustav Janouch)

Für dieses Jahr habe ich bewußt keine Herzliste aufgestellt, denn mir erscheint es wichtiger die Vorauaussetzungen der Notwendigkeit einer solchen Herzliste, “…was aber im Alltag auf Grund von Zeitmangel, Stress oder fehlender Ruhe meist untergeht”, möglichst zu verändern. Die Grundstock für das gute Leben ist die Vermittlung von vita activa und vita contemplativa und nicht ein Übergewicht von „Aktivität“. Auch einen schriftlichen Jahresrückblick habe ich mir verkniffen, dafür aber im Gesichtsbuch die Funktion Jahresrückblick auf Basis der eingestellten Photographien genutzt. Die Kommentare zum Ergebnis sind irgendwie belustigend, von „Essen und Bier, mehr gabs nicht…“ über „man könnte sagen: beer & burger“ und „fast etws monothematisch – aber genau mein Ding“ zu „geradezu kronknorke“ wird das Übergewicht von Essens- und Bierbildern beschrieben. Dabei ist dies nur eine ziemlich kleine Auswahl an Bildern, die ich an anderen Orten aufbewahre. Die für mich wirklich wichtigen Bilder, die, die ich sehe wenn ich die Augen geschlossen gehalte, die sozusagen aus dem Unbewußten kommen sind das gezeigte Panorama und die Homebrewingbilder. Letzteres ist sicher keine Überraschung, das Panorama „verstehen“ nur drei Menschen mit denen ich im Gesichtsbuch verbunden bin.

Vorüberlegung zum Urlaub im Dezember

Urlaub nehme ich vorzugsweise im Dezember. Das hat etwas mit meinem Zeitempfinden zu tun. Eine Vorüberlegung dazu nach Friedrich Nietzsche aus „Also sprach Zarathustra“:

Ihr alle, denen die wilde Arbeit lieb ist und das Schnelle, Neue, Fremde, – ihr ertragt euch schlecht, euer Fleiß ist Flucht und Wille, sich selber zu vergessen. Wenn ihr mehr an das Leben glaubtet, würdet ihr weniger euch dem Augenblicke hinwerfen. Aber ihr habt euch zum Warten nicht Inhalt genug in euch – und selbst zur Faulheit nicht!