Schlagwort-Archive: Aufklärung

Über das Surprenieren

Sprache kann überraschen, kann Rätsel aufgeben, gebiert Wohlklang. In einem Text über Leibniz wird folgendes wiedergegeben: Liselotte von der Pfalz schreibt in einem Brief an den Hannoverschen Oberstallmeister Christian Friedrich von Harling zum Tode von Gottfried Wilhelm Leibniz, dass sie der „schleunige tod von dem armen herrn von Leibniz surpreniert“ habe.
Surpreniert meint „überrascht“ und kommt von dem  Alt-Französischen „sorprendre“.

Surprenieren ist ein wohlklingendes Wort, so aus der Welt gefallen und einfach schön. Es sollte mehr auf Twitter genutzt werden.

Urteilen braucht Zeit – auch in der SPD

Das nenne ich mal Geschwindigkeit, nur vier Wochen nach der krachenden Niederlage der SPD bei der Bundestagswahl gibt der Parteikonvent grünes Licht für Koalitionsverhandlungen mit der CDU/CSU. Das überrascht mich schon etwas. Nicht etwa, weil im Wahlkampf etwas anderes gesagt wurde, Wahlkampfaussagen sind  für viele Wähler, auch für mich, Aussagen in Form des allgemeinen Billshitbingos, sondern weil eine fundierte Analyse des mageren Ergebnisses noch nicht vorliegt. Ich halte es schon für wichtig die Gründe dieses Ergebnisse zu kennen um darauf aufbauend überhaupt fundierte Entscheidungen in Richtung Koalitionsverhandlungen treffen zu können. Wenn also Sigmar Gabriel unser aller Willy Brandt in der folgenden Art und Weise interpretiert:

Also der, der die Deutungshoheit über die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen besitzt. Der steht in der Mitte der Gesellschaft. Willy Brandt wusste das. Er wusste, dass man diese Deutungshoheit erobern muss: von links, mit emanzipatorischen Antworten auf die Herausforderungen der Zeit.

und diese Interpretation seine Richtigkeit hat, dann sind die 26% der Wählerstimmen weder ein Indikator dafür die Mitte der Gesellschaft erreicht zu haben sondern ein sehr dünnes Ergebnis noch ein Indikator dafür die Deutungshoheit über die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen zu haben. Es bedarf also gründlichster Ursachenforschung des Wahlergebnisses. Und dann ist man für eine mögliche Koalition gerüstet. Aber sich den Gründen klar zu werden braucht Zeit, so wie jegliches Urteilen Zeit braucht, auch in der SPD, sonst wird das nichts.

Aber vielleicht sehe ich das ja grundfalsch weil ich die Politik von Volksparteien nicht verstehe.

Publizität muß gewollt werden

Wie würde eigentlich Immanuel Kant das Internet finden, wäre er begeistert, wäre er entsetzt, wie würde er es nutzen? Ein Interview in der FAZ mit dem Philosophieprofessor Markus Gabriel nähert sich der Frage an. Ich empfehle den Artikel im Ganzen zu lesen. Er beleuchtet Kants Konzept der Öffentlichkeit, das sich im Internet in neuer Weise bildet. Einerseits positiv gesehen als Manifestation einer umfassende Öffentlichkeit, andererseits mit einer Geschwindigkeit und in einer Intransparenz, die die Urteilskraft beeinträchtigen kann. Diese Gedanken möchte ich vorausschicken um mit ihnen im Hinterkopf eine staatliche Praxis zu betrachten, die orthogonal zu Kants Öffentlichkeitsgedanken steht.

Umfangreiche Abhörmaßnahmen wie Prism und Tempora amerikanischer und britischer Geheimdienste, die die internationale Kommunikation betreffen werden mit Hilfe von Kants Rechts- und Geschichtsphilosopie kritisch beleuchtet. Sowohl Thomas Stadtler als auch Erbloggtes nehmen sich der kritischen gesellschaftlichen Sichtweise Kants an und analysieren das staatliche Handeln. Es ist sicher keine Überaschung, daß beide zu dem Schluß kommen, daß dieses staatliche Handeln Unrecht im Sinne Kants ist und ich mich ihrer Sichtweise anschließe. Allerdings gibt es meines Erachtens noch eine vorgelagerte, individuelle Ebene, die noch zu betrachten wäre.
Dazu möchte ich Jens Best sinngemäß zitieren, der erst neulich bemerkte, daß die Meinungsfreiheit in Deutschland nicht wohl gelitten sei. Dies bringt mich zu Kants kurzem Aufsatz Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Zu Beginn des Texte stehen die berühmten Sätze:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Weiterlesen