Schlagwort-Archive: Adiaphorisierung

Über don’t meet because it’s Thursday

Das Wort „Leadership“ bewirkt eine Gänsehaut und das Zusammenziehen der Nackenmuskulatur. „Führung“ ist eine personifizierte Form des gesellschaftlichen Drucks, „Führungsprinzipien“ ihre Anwendung.

„Don’t meet because it’s Thursday“ ist ein negativ formuliertes „Führungsprinzip“. Nicht die Geschäftigkeit, nicht die Anwesenheit zählen. Auch die beliebten Sätze – das haben wir immer schon so gemacht; das haben wir noch nie gemacht – die Killer- und Todschlagphrasen jeglicher Veränderung werden damit negiert. Empirisch wird das Prinzip obstruiert indem Arbeitsprozesse so gestaltet werden, daß Geschäftigkeit und Anwesenheit doch trotz gegenteiliger Verlautbarung wieder als wesentliche Faktoren gesehen werden. Und Beharrungskräfte in der Organisation nehmen gemeinhin die Stärke der Gravitation Schwarzer Löcher ein. Trotzdem, das Prinzip bietet Chancen, denn es läßt Raum für das Finden von unbekannten Lösungen. Die Frage ist nur, in welcher Konstellation innerhalb der Organisation es sich verwirklichen läßt?

Über disagree and commit

Das Wort „Leadership“ bewirkt eine Gänsehaut und das Zusammenziehen der Nackenmuskulatur. „Führung“ ist eine personifizierte Form des gesellschaftlichen Drucks, „Führungsprinzipien“ ihre Anwendung.

„disagree and commit“ hat seine eigene Rationalität zur Handlungsfähigkeit von Organisationen: Widerspruch muß stattfinden können sonst ist zu viel Dampf im geschlossenen Kessel, Commitment soll die Entscheidung absichern, „disagree und commit“ soll den Entscheidungsprozeß beschleunigen in einer Welt voller Menschen, die sich selbst für aufgeklärt und wissend halten und in der „par ordre di mufti“ kein Entscheidungsprinzip mehr sein kann. Aber ist „disagree and commit“ nicht auch nur ein fahler Schein vermeintlich autonomen Handelns und die Zustimmung zu diesem Prinzip eine Hinwendung zu noch mehr Heteronomie?

Über eine einfache Frage

Die einfache Frage „Haben Sie Linda?“ wird beantwortet mit dem Satz „Nein aber wir können sie bestellen.“ Die umgebaute Obst-und Gemüseabteilung im Kaufhaus des Vertrauens in der Stadt ist die Konkretion davon was dort beim Umbau schiefläuft. Selbst Carnivoren fühlten sich in der alten Abteilung wohl. Wunderbar präsentiert, ein Schaufenster mit üppiger Lebensart und Lebensfreude war sie mit ihren geerntete Früchten. Jetzt eingedampft auf eine schmale Fläche ist die die Gemüsepräsentation in einem Discounter noch erstaunlich. Das Anbieten von Smoothies zeigt den Trend, zeigt wie die Macher sich das vorstellen, eine Gegenwart soll die Zukunft sein. Damit kommt man nicht über das Aktuelle hinaus, etwas Zukunftsfestes ist das nicht. Deutlich und fast obszön schlägt das Profitmotiv hervor – eine Fremdfirma betreibt jetzt die Abteilung. Das Kaufhaus wandelt sich vom Anbieter von Gütern zum reinen Vermieter von Fläche zuungunsten von Qualität und Kundenservice. Keine lebendige Erfahrung, kein Bestaunen und Genießen von etwas Besonderem, nein kaltes Entsetzen macht sich in der hochsterilen Atmosphäre der kalten Geschäftstätigkeit breit.

Was wird unter solchen Bedingungen nur aus der Tschechischen Bierbar werden?

Über automatisierten Datenabgleich

Automatisierter Datenabgleich ist, insbesondere wenn es um große Datenmengen geht, ein Segen für Organisation und Individuum. Prozesse werden beschleunigt und verbilligt, Entscheidungen werden schneller getroffen. Was ist jedoch, wenn die Organisation mit unbekannten oder seltenen Fehlern konfrontiert ist? Folgendes Beispiel möge dies skizzieren:

Das Finanzamt schickt einen neuen Steuerbescheid. Nachträglich wird eine Steuerermäßigung nicht anerkannt und eine Steuerforderung gestellt. Eine Nachfrage beim Finanzamt ergibt, der Steuerpflichtige habe die Berechtigung für die Steuerermäßigung verloren. Eine Nachfrage bei der Zentralen Zulagenstelle ergibt, die Rentenversicherung habe die Berechtigung für das Steuerjahr nicht übermittelt. Ein Termin bei der Rentenversicherung ergibt, die Meldebescheinigung zur Sozialversicherung sei nicht übermittelt worden. Eine Nachfrage beim Lohnbüro des Arbeitgebers ergibt die Meldung sei übermittelt. Eine Nachfrage bei der Krankenkasse des Arbeitnehmers ergibt die Meldung sei der Rentenversicherung fristgemäß übermittelt worden. Alle Datenübermittlungen erfolgten elektronisch und der Datenabgleich zwischen Rentenversicherung, Zentraler Zulagenstelle und Finanzamt automatisiert. Die Organisationen meinen alles sei korrekt verlaufen, es wäre kein Fehler passiert, sie hätten keinen Grund zu handeln. Das Individuum staunt und ist ratlos, es sieht sich in einer absurden, in einer kafkaesken Situation. Das Individuum findet keine Worte, hat für dieses Szenario keinen Begriff. Dies ist der Moment der Philosophie, die dazu Fragen stellen kann: Gibt es Wechselwirkungen zwischen Technik und Organisationshandeln, genauer gefragt wird der Technik von der Organisation magische, nicht zu hinterfragende, Kräfte zugeschrieben? Oder hat das konformierte Bewußtsein der Organisation, zum Beispiel nach dem Motto, wir machen keine Fehler – Petent, etwas damit zu tun? Letztens, hat dieses formale, nichtempathische Handeln der Organisation vielleicht auch etwas Gutes? Und viele weitere Fragen …

Über ein Schreibprogramm

Die Rechtschreib- und Grammatikkorrektur des Schreibprogramms markiert das Wort „Adiaphorisierung“ als falsch geschrieben.  Das in der Korrektur enthaltene Vokabular ist unzureichend.  Aber es schleicht sich der Gedanke ein, das Programm selbst sei adiaphorisiert.

Über das Organigramm

Das Organigramm ist ein merkwürdiges Ding. Linien und Kreise, Kästchen und Dreiecke, Pfeile und Buchstaben breiten sich auf der zweidimensionalen Fläche aus, sei sie aus Papier oder sei sie ein Bildschirm. Sie stellen etwas dar, was eigentlich drei- – nein – mehr- oder multidimensional ist. Sie stellen soziale Verhältnisse zwischen Personen oder Personengruppen dar, reduziert um die vielen Eigenheiten der Personen selber. Sie sind eine hierarchische und kommunikative Konstellation. Sie zeigen von den Personen ihr Verhältnis zueinander in Bezug auf Befehl und Gehorsam. Diese Reduktion der Komplexität menschlicher Eigenheiten und Verhältnisse auf Befehl und Gehorsam und die Zweidimensionalität der Fläche sind zusammenbetrachtet einerseits grotesk andererseits aber interessant anzusehen. Grotesk: das Oben und das Unten auf dem Organigramm entsprechen Befehl und Gehorsam in der Organisation, ein Bild der Macht und der Ohnmacht. Interessant: wer steht darauf? Wer hat hier das Sagen? Das Organigramm zeigt die Adiaphorisierung der Menschen durch die Organisation. Die visualisierten Positionen des Organigramms, die weit voneinander entfernt sind, sei es vertikal, horizontal oder auch diagonal haben sich nichts zu sagen, sie zeigen organisierte Gleichgültigkeit.

Über eine Frage des Aufrechnens

Entlässt ein Unternehmen an einer Stelle Mitarbeiter, um sie durch automatisierte Verfahren zu ersetzen und stellt auf der anderen Seite neue Mitarbeiter ein, die diese Verfahren programmieren sollen, ist es statthaft zu bilanzieren und wenn mehr Mitarbeiter eingestellt als entlassen sind, dieses Tun zu lobpreisen? Eine schwierige Frage, die wir hier nicht beantworten können. Dennoch ist dieses Tun zur Tatsache geronnen und damit in der Welt. Die Bilanzierung an sich zeigt die Reduktion des Menschen auf ein Ding, nein eine Zahl in einer mathematischen Gleichung. Das ist Adiaphorisierung pur. Es scheint zutiefst respektlos zu sein.

Über Datenschutzmaßnahmen und Verdinglichung sowie Medialisierung

Für die Datenverarbeitung wird der Mensch in seiner Gänze auf einzelne Aspekte seines Lebens in Datenpunkte zerlegt. Er wird verdinglicht. Die Perspektive, dass Daten eine neue Währung seien, bringt die vollständige Verdinglichung sehr gut zum Ausdruck. Werden die Daten als Geld gesehen so sind sie ein Medium. Medien funktionieren einwandfrei wenn sie vollständig unsichtbar sind. Ist der Mensch im Datum zu Geld transformiert ist er vollständig unsichtbar.

Diese mediale Sichtweise nehmen vor allem die Datenverarbeiter an. Andere Perspektiven sind selbstverständlich:
Die Asymmetrie zwischen Organisation und Individuum erzwingt eine Norm oder einen ganzen Kranz an Normen um diese Asymmetrie auszugleichen und beide auf Augenhöhe zu bringen. Dies ist der Kern des Datenschutzes. Dazu erfanden Steinmüller, Lutterbeck und Mahlmann sowie das Bundesverfassungsgericht eine juristische Norm das „Recht auf informationelle Selbstbestimmung“. Daraus leiten sich ein Bündel weiterer gesetzgeberische Einhegungen sowie technische als auch organisatorische Maßnahmen ab.
Den vorher skizzierten systemtheoretischen Ansatz können wir ablösen indem wir den Begriff „Adiaphorisierung“ von Zygmunt Bauman adaptieren. Bauman erkennt, dass durch organisatorische Erfindungen wie Arbeitszerlegung/teilung sowie technischen Erfindungen die Verantwortlichkeitsreichweite des Individuums, die wir als moralischen Sinn bezeichnen wollen reduziert bzw. ganz aufgehoben werden kann. In den langen Ketten der Arbeitsteilung und der technischen Systeme verliert der verantwortliche Verarbeiter die Übersicht über die Folgen seines Tuns. Dazu kommt noch die Gefahr, durch Medialisierung der Daten und damit der Unsichtbarkeit für den Verarbeiter den moralischen Sinn zu verlieren.

Technische und organisatorische Maßnahmen des Datenschutzes wie z.B. Pseudonymisierung und Anonymisierung weiten die Datafizierung aus. Können wir also mutmaßen, dass Datenschutzmaßnahmen die Verdinglichung und Medialisierung ebenfalls ausweiten?

Überwältigende Erkenntnis

Wenn einen die Erkenntnis überwältigt ist das ein großartiges Gefühl. Wenn einen die Erkenntnis überwältigt, daß Ereignisse nicht aufgrund von Verschwörung oder Bosheit sondern durch Zufall ausgelöst werden ist das erleichternd möglicherweise auch ambivalent und sogleich stellen sich weitere Fragen. Warum hab ich das nicht gleich gesehen? Warum ärgere ich mich über meine Blindheit? Und natürlich eine Menge Fragen mehr. Introspektion ist nicht immer einfach und negative Emotionen können einerseits hilfreich sein, andererseits besteht die Gefahr eines dauerhaften gedanklichen Lock-In-Effekts.

Das Wetter ist großartig, der Himmel blau und den Menschen freundlich zugewandt, die Sonne lacht und erwärmt mit ihrer ganz eigenen Zuneigung die Luft.

Erstmal ein Bier zur Abkühlung und über die Freude eines befreiten Kopfes…

American IPA

American IPA

Unterschiedliche Grade des Nichtstuns

Ziemlich schnell erfolgt nach den üblichen Begrüßungsfloskeln beim wöchentlichen Wochenendanruf die Frage: „Was habt ihr gemacht?“. „Nichts, und selber?“. „Nichts“. Diese „Nichts“ sind jedoch Grade unterschiedlicher Aktivität; ihnen ist ein Gemeinsames inne, nämlich, daß die Wohnung nicht verlassen wird. Mein „Nichts“ ist ein wirkliches Nichtstun, das von den Tätigkeiten Sonntagzeitungen und Buch lesen, von der Couch an den Esstisch und zurück schleppen, sowie einigen kurzen Aktivitäten zum Überleben eingerahmt ist. Dieses wird auch an meinem sonntäglichen Umfang von unter 1800 Schritten deutlich. Das „Nichts“ der Gesprächspartner ist eben kein wirkliches Nichts sondern umfaßt vielfältige Tätigkeiten wie Balkon sommerfest machen, Wohnung saugen, Wäsche waschen und im Keller aufhängen u.v.m. Mein „Nichts“, das ich voller Inbrunst tue läßt mich jedoch im Gespräch unsicher sein, es stellt sich sogar ein wenig Scham ein. Gut, daß die Gesprächspartner dies durch das Telephon nicht bemerken…