Schlagwort-Archive: Gesellschaft

Über die Merkwürdigkeit des Schienenersatzverkehrs

Der Schienenersatzverkehr ist gedanklich eine einfache Sache. Er transportiert die Fahrgäste entlang der Schienen von einem Anfangspunkt zu einem Endpunkt. Dies in beide Richtungen. Anzunehmen wäre, dass mit Ankunft des Schienenverkehrs die Ersatzfahrzeuge bereit stünden um ohne Zeitverzug den Weitertransport zu gewährleisten. Dieses ist mitnichten so. Die in Sichtkontakt fahrenden Busse haben ihre eigene Taktung, die vom Intervall des Schienenersatzverkehrs unabhängig ist. Zwei oder drei Busse fahren, wie gesagt, in kurzen Abständen hintereinander die Haltestellen an und bleiben so in Sichtkontakt. Sichtkontakt zu den Bussen hat damit auch die wartende Menge der Fahrgäste. Und der größte Teil von ihnen drängt auf und in den ersten Bus. Ist das ein massenpsychologisches Handeln? Oder ist das gesellschaftlich induziert indem dem Einzelnen Aktivität oder Hektik als Norm auferlegt wird? Was es auch sei, es bleibt merkwürdig.

Über die Uniformität des Büros

Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts war die Idee der McDonaldisierung der Gesellschaft ein aller Munde. Die McDonaldiserung des Arbeitslebens manifestiert sich am Sichtbarsten heutzutage im Großraumbüro. Quantifizierung, Erwartbarkeit und Homogenität sind die Kennzeichen dieser Transformation. Meist ist es Mitarbeitern nicht gestattet diese einheitlichen, glatten, überall auf der Welt wiedererkennbaren Gelegenheiten zu verändern, zu individualisieren. Das ist ein starkes Zeichen der Kolonialisierung des Geistes der Mitarbeiter im Namen und im Sinn der Zwecke der Organisation. Das Großraumbüro ist der moderne Wiedergänger Johann Joachim Beckers „Kunst- und Werckhaus“.

Über Routine

Fragen wir doch einmal was an Routine schlecht sein kann. Im Reich der Notwendigkeiten und Zwecke kann sie genau das Gegenteil, das Richtige sein. Denn die Routine kann die Gedanken fließen lassen, die sich dann zur Spekulation aufraffen und sich wieder hinterfragen und sich reflektierten. In der Routine können sich die Rancièreschen Subjektivierungen entfalten, Dissens entstehen, sich Politik vorbereiten. Das Gegenteil von Routine benennen wir Innovationsprozeß.  Ein, in der heutigen Zeit, positiv konnotierter, vom Reich der Notwendigkeiten und Zwecke fast eingeforderter Zustand des Tuns. Nur was macht es mit dem Einzelnen wenn der Zustand auf Dauer gestellt ist?

Über Veränderung in Toilettenräumlichkeiten

Dort wo der Platz knapp ist werden Toilettenräumlichkeiten unabhängig vom Geschlecht eingerichtet. Wir sehen es im Flugzeug oder in der Bahn. Sogar die ein oder andere Speisewirtschaft weist dies so aus, allerdings nur wenn die Fläche des Gastraums eine bestimmte Größe nicht überschreitet.

Im unteren Foyer des „Neuen Museums“ werden die Toilettenräumlichkeiten, gemäß geltenden Rechts, abhängig vom Geschlecht ausgewiesen. Dies überrascht uns nicht. Überrascht sind wir allerdings vom Vorhandensein eines Babywickeltisches in beiden Räumlichkeiten. Das nennen wir progressiv.

Ein ganz besonderes Loch

Der technische Fortschritt macht vor den Dienstleistungen im Handel keinen Halt. Dort wo in vergangenen Zeiten freundliche Angestellte das Leergut dem Kunden persönlich abnahmen, das Pfandguthaben auf einen Zettel samt Unterschrift notierten, Zeit für ein Schwätzchen hatten, da steht heute eine blechernes Monstrum namens Leergutautomat.

Der Leergutautomat bei meinem Lebensmittelhändler um die Ecke scheint ein ganz eigenes Kaliber zu sein. Seinem Schlund entströmt ein gräßlicher Gestank aus Bier und undefinierbaren Ingredienzien; zu nahe herantreten geht nicht, denn die Übelkeit packt einen sofort. Flüssigkeiten sabbern aus dem Loch.

Trotzdem versammelt sich, egal zu welcher Tageszeit, eine interessierte Menschenmenge um ihn mit ihren Rückgaben zu füllen. Man stellt sich brav an, kann jede Wette eingehen, daß sein Inneres gefüllt ist bis man selber an der Reihe ist. Pech gehabt, Personal rufen, Personal hat keine Zeit, warten, warten, warten. Spätestens dann wird der Automat zum sozialen Ferment, die Menschen kommen über ihn miteinander ins Gespräch. Man lernt sich kennen, man grüßt sich ab jetzt und man wird sich wiedersehen.

Die Tücken seiner Technik reizen bis aufs Blut. Denn er kann nicht selber denken. Leergut, daß bis gestern ohne Murren angenommen wurde wird heute mit lauten Piepen und Displayblinken konsequent verweigert. Ebenso verweigert er Knall auf Fall die Annahme von Leergut derselben Firma, die er eben noch schluckte. Er läßt sich überlisten, ja, eine andere Flasche nehmen, dann mit der ersten erneut probieren. Jedoch auf spitzfindige Überlistungshandlungen läßt er sich nicht ein: schwungvolles Werfen des Leergutes durch seinen langgezogenen Schlund bis in die Auffangbehälter im Inneren lassen seine Sensoren nicht zu. Dann hilft wiederum nur Personal rufen, Flaschen übergeben, sich Flüche anhören.

Der Discounter des Vertrauens hat einen ähnlichen Automaten. Der verschlingt vornehmlich Plastikflaschen mit lautem Schmatzen. Sein Schlund ist das ganze Gegenteil: hell, steril und geruchlos.

Die Menschenmenge ist hier deutlich größer, das Leergut wird meist in großen grauen Plastiksäcken mitgebracht. Trotzdem funktioniert die Rücknahme reibungslos. Der Automat tut was er soll, man wartet wortlos. Was gibt es auch besonderes über ihn zu sagen?