Schlagwort-Archive: Verdinglichung

Über die Frage warum der Gast im Hotel putzt

Manche Gäste reinigen ihr Hotelzimmer. Sie richten das Bett, nicht vollständig aber immerhin so, daß Laken, Bettdecke und Kissen eine erkennbare Ordnung haben. Sie stellen benutzte Gläser und Tassen zusammen und wenn sie sich ein Mahl auf das Zimmer bestellt haben ordnen sie auch das benutze Geschirr sauber an. Zudem öffnen sie das Fenster zum Lüften. Das wirft nun die Frage auf warum die Gäste dies tun. In der Zimmermiete ist die Reinigung inkludiert, ein Herrichten scheint also ökonomisch unsinnig. Vermutlich denken sie nicht einmal über ihr Handeln nach. Was also treibt sie an?

Über das Putzen vor dem Putzen

Viele Privathaushalte beschäftigen eine Reinigungskraft. Beschäftigen meint hier ein ökonomisches Tauschverhältnis. Viele Menschen putzen regelmäßig bevor die Reinigungskraft beginnt und ebenda dasselbe tut. Das scheint etwas merkwürdig zu sein, wird aber sofort einsichtig sobald der Grund erkannt wird. Sie wollen der Reinigungskraft zeigen wie das Ergebnis auszusehen hat. Soweit, so gut aber wenn dies aber zur Regelmäßigkeit wird sei die Frage erlaubt warum das Tauschverhältnis nicht beendet und ein anderes eingegangen wird? Ist diese Art von Tauschverhältnis wirklich ein rein ökonomisches oder tritt da noch etwas anderes, Vermitteltes, hinzu?

Über das ringende iPad

Vier oder fünf Jahre sind, beim heutigen Stand der Technik, für ein iPad eine sehr, sehr lange Zeit. Es ist eine Seniorin und manchmal zeigt es auch Gebrechen. Der Home-Button ist so eine Schwachstelle. In ihm sedimentiert sich besonders das Zusammenspiel zwischen iPad und der Besitzerin. Je nach Intensität der Nutzung dringen mikroskopisch kleine Partikel des Home-Buttons in die Haut des Fingers der Besitzerin ein, ebenso dringen Hautpartikel der Besitzerin in die oberste Lackschicht des iPads ein. Zudem verändert der Druck der Besitzerin den Home-Button und seine Gängigkeit. Aber das iPad nimmt noch mehr von der Besitzerin auf: Gedanken, die verschriftlicht werden und im Gerät abgespeichert werden. Mathematische Operationen führt das iPad in verschiedenen Applikationen für die Besitzerin durch. Durch das Speichern von Informationen und durch das Rechnen ist es eben auch Geist und zeigt eine Ähnliches wie Intelligenz. Geht das iPad verloren oder ist es defekt, so ist auch der Geist der Besitzerin in Mitleidenschaft gezogen wenn das Gespeicherte nicht mehr verfügbar ist und mathematische Operationen nicht mehr durchführbar sind.

Manchmal ist beobachtbar wie ein gebrechliches iPad ringt. Es ringt mit sich selber und mit der Besitzerin. Mal zeigt sich der Home-Button störrisch, funktioniert er tadellos. Ist das ein Hinweis darauf, daß es nicht ersetzt oder deaktiviert werden will?  Denn beide sind sich im Laufe ihrer gemeinsamen Zeit buchstäblich nähergekommen. Und zumindest eine von Beiden weiß das auch.

Über das Organigramm

Das Organigramm ist ein merkwürdiges Ding. Linien und Kreise, Kästchen und Dreiecke, Pfeile und Buchstaben breiten sich auf der zweidimensionalen Fläche aus, sei sie aus Papier oder sei sie ein Bildschirm. Sie stellen etwas dar, was eigentlich drei- – nein – mehr- oder multidimensional ist. Sie stellen soziale Verhältnisse zwischen Personen oder Personengruppen dar, reduziert um die vielen Eigenheiten der Personen selber. Sie sind eine hierarchische und kommunikative Konstellation. Sie zeigen von den Personen ihr Verhältnis zueinander in Bezug auf Befehl und Gehorsam. Diese Reduktion der Komplexität menschlicher Eigenheiten und Verhältnisse auf Befehl und Gehorsam und die Zweidimensionalität der Fläche sind zusammenbetrachtet einerseits grotesk andererseits aber interessant anzusehen. Grotesk: das Oben und das Unten auf dem Organigramm entsprechen Befehl und Gehorsam in der Organisation, ein Bild der Macht und der Ohnmacht. Interessant: wer steht darauf? Wer hat hier das Sagen? Das Organigramm zeigt die Adiaphorisierung der Menschen durch die Organisation. Die visualisierten Positionen des Organigramms, die weit voneinander entfernt sind, sei es vertikal, horizontal oder auch diagonal haben sich nichts zu sagen, sie zeigen organisierte Gleichgültigkeit.

Über das Loslassen von Dingen

Dinge können mit Subjektivität und Objektivität aufgeladen sein. Subjektivität meint die Erinnerungen, Emotionen und Geschichten des Menschen, die sich im Ding sedimentieren. Objektivität meint die „Versunkenen Kosten“ des Dings, rechenbar als Quantitäten als Geld, die sich im Ding ebenfalls manifestieren. So geht das Ding über sich hinaus und steht dem Menschen als gegenüber als etwas Besonderes. Wie kann er davon lassen ohne Schmerz?

Verdinglichung heute

Der designierte Spitzenkandidat der europäischen Sozialdemokratie für die Europawahl 2014, Martin Schulz, hat in einem Presseerzeugnis ausführlich das Thema Digitalisierung beleuchtet. Nico hat in seinem Blog darauf einen ausführlichen Kommentar geschrieben, den ich so gerne unterschreibe und dem ich eigentlich nichts hinzuzufügen habe.

Doch scheint mir die Forderung von Martin Schulz, „die Verdinglichung des Menschen nicht zuzulassen“ und „die Ökonomisierung aller Lebensbereich zu verhindern“ etwas aus der Zeit gefallen zu sein. Verdinglichung und Ökonomisierung sind längst Realität und im täglichen Leben seit Jahrzehnten auch ohne Digitalisierung erfahrbar.
Verdinglichung, nicht unbedingt als ökonomischer Begriff, sondern als Adiaphorisierung menschlicher Angelegenheiten sind beispielweise in der Verwaltung gang und gäbe. Ohne die Reduktion menschlicher Angelegenheiten auf Vorgänge und Aktenzeichen wäre eine rationale Bearbeitung ohne Distanz unmöglich.
Verdinglichung im ökonomischen Sinne drängt sich in alle sozialen Interaktionen, in denen Menschen sich freiwillig oder gezwungen, in Waren verwandeln um einen Zweck zu erreichen. Das sind die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt, die jeder Arbeitnehmer kennt. Und diejenigen, die eine Wohnung suchen wissen genau, daß pekuniäre Potenz nicht ausreichend ist, sondern sich die ganze Person in eine Ware verwandeln muß, die dem Vermieter zusagt. Alltagserfahrung von Müttern und Vätern, die eine Kitaplatz suchen, sind daß sie sich gezwungen sehen ihr Kind ebenfalls als Ware präsentieren, das diese oder jene besondere Eigenschaft hat. In den Angelegenheiten des Politischen erfahren wir seit Jahren wie der Inhalt immer weniger relevant wird, der Person immer mehr Aufmerksamkeit zugeschrieben und medial vermittelt wird. Der Politiker ist zur Ware geworden. Wie die Menschen auch in Angelegenheiten des Gefühlslebens warenförmig handeln hat Eva Illouz beschrieben. Verdinglichung und Ökonomisierung sind also nahezu allgegenwärtig.

Abschließend eine Bemerkung zur Vorratsdatenspeicherung. Da die Politik, entweder freiwillig aufgrund der neoliberalen Ideologie oder vielleicht gezwungenermaßen, in immer mehr Politikfeldern Entscheidungs- und Vollzugsmacht abgegeben hat, bleibt das, was sie „Innere Sicherheit“ oder „Äußere Sicherheit“ nennt, noch als Entscheidungs- und Vollzugsmacht für sie übrig. Hier sieht sie  Gelegenheiten des Handelns, wie richtig oder falsch sie auch sein mögen.