Schlagwort-Archive: Dinge

Über das Schreiben des Wortes Schwein

Auf über fünfzig verschiedene Arten wird das Wort Schein auf diesem Artefakt geschrieben. Und zwar vor langer Zeit…

Artefakt aus der Ausstellung "Fleisch" im Alten Museum Berlin

Artefakt aus der Ausstellung „Fleisch“ im Alten Museum Berlin

Über ein Stillleben mit Schuhen

Wenn der Ranzen nach dem Dinner spannt und die Sättigungsmüdigkeit den Geist ergreift ist nur ein einfaches Bild von Dingen vor dem Haus möglich.

Stillleben

Stillleben

Über den korinthischen Helm

Im Alten Museum, in der Ausstellung „Griechische Kunst“ sind im Bereich „Zeit der Helden -Das frühe Griechenland“ einige Kriegshelme, auch korinthische Helme genannt, ausgestellt. Ihre Größe überrascht, sie fallen eher klein aus und es stellt sich die seltsame Frage ob die Köpfe der Träger damals kleiner waren als heute. Oder ist das nur eine Sache der Perspektive? Sie wirken auch durch die Dicke bzw. Zartheit des Materials eher filigran – eierschalenartig. Wie können wir uns heute die Träger von damals vorstellen? Sie verbergen ihre Geheimnisse vor uns und teilen uns doch so viel mit und regen das Spekulative in uns an. Sie sind einfach schön.

Über das Loslassen von Dingen

Dinge können mit Subjektivität und Objektivität aufgeladen sein. Subjektivität meint die Erinnerungen, Emotionen und Geschichten des Menschen, die sich im Ding sedimentieren. Objektivität meint die „Versunkenen Kosten“ des Dings, rechenbar als Quantitäten als Geld, die sich im Ding ebenfalls manifestieren. So geht das Ding über sich hinaus und steht dem Menschen als gegenüber als etwas Besonderes. Wie kann er davon lassen ohne Schmerz?

Über den Widerstand beim Schreiben

Schreiben ist nichts Flüssiges. Immer wieder werden Worte, Formulierungen, Sätze überprüft. Das Schreiben wird mit Pausen durchsetzt. Irgendein Widerstand hemmt und unterbricht das Schreiben. Es scheint eine Instanz zu geben, die das Schreiben prüft. Sie scheint nicht in der Innerlichkeit verortet, sondern dem Schreibenden außerhalb. Nur durch Anstrengung kann gegengehalten werden. Schreiben kostet Kraft.

Über die Physik der leeren Plastikflaschen im Winter

Leere Plastikflaschen, genauer gesagt leere Wasserflaschen, werden beim Discounter des Vertrauens zurückgegeben. Auch hier handelt es sich um einen Leergutautomaten, der aber mit seinen technischen Eigenschaften und als sozialer Ort vollständig anders erscheint als andere. Wir thematisierten das bereits hier. Im Winter wirkt nun die Physik auf die leeren Flaschen in besonderer Weise ein. Die Luft in den geschlossenen leeren Flaschen wird durch die niedrigen Temperaturen heruntergekühlt, erzeugt einen Unterdruck beult die Flaschen nach innen ein. Das wiederum hat zur Folge, daß die Lesesensorik bei Eingabe der verbeulten Flaschen stark überfordert ist und diese nicht angenommen werden. Also müssen die Eingebenden diese regelmäßig händisch in ihre ursprüngliche Form zurückbringen. Aber paradox ist, daß, sobald der Automat sie angenommen hat, sie von ihm mit lautem Schmatzen so flach wie möglich gepresst werden.

Über die Unleidlichkeit

Unleidlichkeit wollen wir hier als als ein Gefühl der Mißmutigkeit oder Mißgelauntheit verstehen. Unleidlich können wir, ähnlich der Dankbarkeit, gegenüber Personen, dem „Höchsten“, den Dingen und der Welt sein. Und unleidlich können wir, ebenfalls wie dankbar, gegen uns selbst sein. Temporäre Unleidlichkeit mag für die Hygiene des Geistes unerläßlich sein, dauerhafte Unleidlichkeit erfüllt die Umgebung des Unleidlichen mit Kälte und Mißachtung und der Unleidliche erzeugt diese ebenfalls in sich selbst. Dankbarkeit, zwar nicht der logische Gegensatz zu Unleidlichkeit, scheint uns ein geeigneteres Verhältnis zur Welt zu sein.

Über einen Versuch zu Dankbarkeit

Auf den ersten Blick fällt uns auf, dass Dankbarkeit anders gedacht werden muss als das Interesse. Beim Interesse konnten wir mit Alain Caillé das „Interesse an“ und das „Interesse für“ sachlogisch unterscheiden. Dankbar sind wir ausschließlich „für“. Allerdings ist dieses „dankbar für“ nicht allein eine soziale Verbindung zwischen Individuen sondern dankbar kann ich dem „Höchsten“ sein wie aber auch einem „Ding“, einer Institution, einer Organisation oder auch längst Verstorbenen. Dankbarkeit richtet sich also direkt an die Welt. Eine spannende Frage, die uns überhaupt dazu bringt über Dankbarkeit nachzudenken, ist:

Können wir uns selbst dankbar sein?

Wir suchen eine Antwort mit Hannah Arendt [1], die über  „… das stumme Zwiegespräch zwischen mir und mir selbst.“ schreibt. Da wir uns als einem Ganzen in Zwei aufteilen können, die sich mit dem Medium der Sprache austauschen, so kann selbstverständlich „mir“ dem „mir selbst“ dankbar sein.

[1] Hannah Arendt: Vom Leben des Geistes: Das Denken Das Wollen, 1998, Seite 182

Über das Älterwerden und die Surf-Ente

Das Älterwerden bevorzugt Praktiken, die wir Rituale nennen wollen. Ein Ritual ist hier eine regelmäßig im Zeitablauf wiederkehrende soziale Handlung. Die Handlung strukturiert die Eindimensionalität der Zeit und bietet Orientierung. Wir wollen sie so einfach sehen und nicht mit Pseudoreligiosität, Mythen oder Zeremonien verschiedenster Art aufladen. Ob der abendliche Stammtisch mit Freunden beim Bier oder das wochenendliche Frühstück beim Mettbrötchenhändler des Vertrauens oder gar der einmal im Jahr wiederkehrende Neujahrsempfang, alles dies unterstützt die positiven Seiten des Älterwerdens.

Ein zweiter Effekt des Älterwerdens ins das selektiv auftretende Vergessen.  Der Geist konzentriert sich auf das Wichtige und gibt so Kapazitäten frei für Neues. Aktuell Irrelevantes muß zurücktreten wird aber nicht vollständig gelöscht sondern bei Bedarf mit Unterstützung erinnert.

Ein weiterer Effekt des Älterwerdens ist der gelassene Umgang mit dem Phänomen Zufall. Dies scheint auf den ersten Blick kindisch und nicht-philososphisch, ist aber weise. Die Konzentration auf das Relevante ist darin existent, das Verzetteln und Herumirren zwischen Irrelevantem bleibt aus.

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Über das Angesprochenwerden durch Maschinen

Eine Überlegung ist es, daß wir uns unsere Identität nur über die Relation zum Anderen ausbilden. Im Angesprochenwerden zeigt sich eine Seite dieser Relation. Schon (vor oder) nach der Geburt und ohne bereits eine psychische und soziale Identität ausgebildet zu haben werden wir (mit Namen) angesprochen. Das Angesprochenwerden ist vor dem Antwortenkönnen.
Heteronomie liegt vor Autonomie. Das heteronome Angesprochenwerden ist Anerkennung unserer Identität.

Diese Überlegung können wir so erweitern, daß selbst in der übelsten Ansprache die, meist unabsichtliche, Anerkennung unserer selbst durch den Übeltäter steckt. Wenn zunehmend Maschinen mit uns sprechen was bedeutet dies eigentlich? Für die Maschine sind wir verarbeitete Binärschrift; sie hat keine eigene Sicht und sieht uns nicht einmal verdinglicht. Aber was bedeutet das für uns? Wenn Maschinen uns ansprechen, bildet diese heteronome Ansprache, samt unabsichtlicher Anerkennung, auch unsere Identität aus? Und was folgt daraus wenn die sprechenden Maschinen immer mehr werden?