Archiv der Kategorie: allgemein

Über den Fortschrittsglauben in der sozialdemokratischen Philosophie

Wird doch unsere Sache alle Tage klarer und das Volk alle Tage klüger.
Josef Dietzgen, Sozialdemokratische Philosophie

Der zitierte Satz wirkt. Ein wohlig-warmes Kribbeln verbreitet sich rund um Magen und Zwerchfell, ein weiteres Kribbeln fließt von der Schädeldecke ins Genick und auf dem Mund des Lesers wird ein nichtbewußtes Lächeln gezaubert. Ja – der Satz rührt an und sicher beruht er auch auf der Wirklichkeit, auf das was Josef Dietzgen in seiner Zeit beobachten konnte. Nur scheint der Satz einen irgendwie unwirklichen totalen Fortschrittglauben zu enthalten. Dies mag aus der damaligen Perspektive gerechtfertigt, ja die Hoffnung gewesen sein. Was würde Josef Dietzgen sagen, könnte er heute, 130 Jahre nach seinem Tod auf die Welt sehen? Er würde wohl sagen, er habe sich geirrt, Fortschritt, insbesondere gesellschaftlicher Fortschritt ist nicht selbstverständlich, Rückschritte sind immer möglich. Vielleicht kann gesellschaftlicher Fortschritt auch ganz zurückgedreht werden. Gesellschaftlicher Fortschritt und Rückschritt sind in der Zeit bedingt. Einzig technischer Fortschritt scheint voranzugehen. Und gibt es eigentlich heute noch eine sozialdemokratische Philosophie? Und wie sehe die dann aus?

Über das Schreiben des Wortes Schwein

Auf über fünfzig verschiedene Arten wird das Wort Schein auf diesem Artefakt geschrieben. Und zwar vor langer Zeit…

Artefakt aus der Ausstellung "Fleisch" im Alten Museum Berlin

Artefakt aus der Ausstellung „Fleisch“ im Alten Museum Berlin

Über ein Stillleben mit Schuhen

Wenn der Ranzen nach dem Dinner spannt und die Sättigungsmüdigkeit den Geist ergreift ist nur ein einfaches Bild von Dingen vor dem Haus möglich.

Stillleben

Stillleben

Über den Blick von einer Brücke

Falls die Mitteilsamkeit nicht wirklich sprudeln will, jedes Wort nur mit Mühe einfällt und die Sätze sich nicht zusammenfügen wollen, dann hilft der kontemplative Blick von einer Brücke.

Blick von der Weidendammer Brücke

Blick von der Weidendammer Brücke

Über das Surprenieren

Sprache kann überraschen, kann Rätsel aufgeben, gebiert Wohlklang. In einem Text über Leibniz wird folgendes wiedergegeben: Liselotte von der Pfalz schreibt in einem Brief an den Hannoverschen Oberstallmeister Christian Friedrich von Harling zum Tode von Gottfried Wilhelm Leibniz, dass sie der „schleunige tod von dem armen herrn von Leibniz surpreniert“ habe.
Surpreniert meint „überrascht“ und kommt von dem  Alt-Französischen „sorprendre“.

Surprenieren ist ein wohlklingendes Wort, so aus der Welt gefallen und einfach schön. Es sollte mehr auf Twitter genutzt werden.

Über eine Frage zur Lustlosigkeit

Die Lustlosigkeit für das körperliche Training kann aus einem unausgeruhten oder auch gesundheitlich angeschlagenen Körper resultieren. Ruhe ist dann angesagt. Die Frage jedoch woher die Lustlosigkeit zum Denken kommt scheint rätselhaft. Ist das womit gedacht wird, das Denkende, etwas, das sich ebenfalls erschöpfen kann oder gesundheitlich angeschlagen sein kann?

Über den korinthischen Helm

Im Alten Museum, in der Ausstellung „Griechische Kunst“ sind im Bereich „Zeit der Helden -Das frühe Griechenland“ einige Kriegshelme, auch korinthische Helme genannt, ausgestellt. Ihre Größe überrascht, sie fallen eher klein aus und es stellt sich die seltsame Frage ob die Köpfe der Träger damals kleiner waren als heute. Oder ist das nur eine Sache der Perspektive? Sie wirken auch durch die Dicke bzw. Zartheit des Materials eher filigran – eierschalenartig. Wie können wir uns heute die Träger von damals vorstellen? Sie verbergen ihre Geheimnisse vor uns und teilen uns doch so viel mit und regen das Spekulative in uns an. Sie sind einfach schön.

Über die Taxonomie

Taxonomien mögen in der Logik und im Formalen ihre Berechtigung haben. Die Abstraktion und Deduktion unterstützen sie vortrefflich. Über das Verteilte, das Zerstreute, das Plurale, das Zufällige, das Vieldeutige sagen sie nichts. Deshalb sagen sie wenig über das Lebendige.

Über die Uniformität des Büros

Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts war die Idee der McDonaldisierung der Gesellschaft ein aller Munde. Die McDonaldiserung des Arbeitslebens manifestiert sich am Sichtbarsten heutzutage im Großraumbüro. Quantifizierung, Erwartbarkeit und Homogenität sind die Kennzeichen dieser Transformation. Meist ist es Mitarbeitern nicht gestattet diese einheitlichen, glatten, überall auf der Welt wiedererkennbaren Gelegenheiten zu verändern, zu individualisieren. Das ist ein starkes Zeichen der Kolonialisierung des Geistes der Mitarbeiter im Namen und im Sinn der Zwecke der Organisation. Das Großraumbüro ist der moderne Wiedergänger Johann Joachim Beckers „Kunst- und Werckhaus“.

Über das Loslassen von Dingen

Dinge können mit Subjektivität und Objektivität aufgeladen sein. Subjektivität meint die Erinnerungen, Emotionen und Geschichten des Menschen, die sich im Ding sedimentieren. Objektivität meint die „Versunkenen Kosten“ des Dings, rechenbar als Quantitäten als Geld, die sich im Ding ebenfalls manifestieren. So geht das Ding über sich hinaus und steht dem Menschen als gegenüber als etwas Besonderes. Wie kann er davon lassen ohne Schmerz?