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Spaziergang auf der Friedrichstraße

Die Friedrichstraße gliedert sich in drei Bereiche. Von Süd nach Nord, vom Mehringplatz zum ehemaligen Checkpoint Charlie, erstreckt sich in der Südlichen Friedrichstadt die steingewordene Persistenz des alten Berlin (West) mit seinen Bauten des Landesarbeitsgerichts und des Landesamts für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten, eine eher graue Zeile mit wenig Menschen auf der Straße. Nördlich davon bis Unter den Linden folgt die Einkaufs-, die Konsumstrecke in den neu erbauten Quartieren. Hier bewegt sich die  große Menge Touristen gemächlich an den Auslagen der Geschäfte vorbei. Der Bereich der Friedrichstraße in der Dorotheenstadt ist seltsam vertraut mit dem Bahnhof Friedrichstraße, dem Tränenpalast und der ewigen Kreuzung Friedrich- Oranienburger Straße.

Ein Spaziergang vom Mehringplatz zum Bahnhof Friedrichstraße ist ein Leichtes. Diesen Weg gehe ich aber nicht in Form des Schlendern oder Flanieren sondern in einem eher schnellen Schritt, der ein Ziel oder Unruhe vermuten läßt. Müßiges Gehen scheint sowohl unter der Bedingung der Persistenz der Örtlichkeit als auch in der Masse von Menschen unmöglich. Kontemplative Ruhe stellt sich erst beim Besuch des Buchladens ein, in der Anschauung der verschiedenen Werke mit ihren Formen, Schriftarten, Einbänden und Farben. Der Spaziergang wird in der Kölschkneipe mit dem Lesen der ersten Seiten des neuerworbenen Buches bei einigen Kölsch abgeschlossen. Mit der U-Bahn geht es anschließend in gehobener Stimmung nach Hause.

Blick nach Oben

Bewege ich mich im Draußen ist es meistens zweckgebunden und zielgerichtet auf eine bestimmte Örtlichkeit. Das geschieht natürlich auch in der Nachbarschaft beim Gang zum Einkaufen beim Lebensmittelhändler des Vertrauens oder zum Entsorgen des Leerguts. Dann finden die Beine den Weg von alleine, die Aufmerksamkeit für die Umgegend ist abgeschaltet und die Gedanken melden sich lautstark. Sie sprechen über vielerlei Dinge, über die Arbeit, über das letzte Telephongespräch mit den Eltern, politische Auseinandersetzungen, übers Wetter oder über den letzten Besuch in der Craft Beer Brauerei, wobei letzteres meistens körperliche Auswirkungen in Gestalt Pawlowscher Reflexe zeitigt. Natürlich rede ich da mit, versuche das Gespräch freundlich zu halten, was mir aber oft genug mißlingt. Nur wenn ich auf dem Weg einem bekannten Gesicht begegne, wird das Gespräch kurz für einen Gruß unterbrochen.

Mein Nachbar und ich machen uns gemeinsam auf den Weg zum Lebensmittelhändler des Vertauens um die Ecke und diesmal ist die Aufmerksamkeit nicht nach innen sondern auf den Mitgänger gerichtet. Unser Gespräch dreht sich rund um Mieten, die Veränderungen nach dem Eigentümerwechsel, die Mieten im Sozialwohnungsbestand nebenan. Wir erreichen unser Ziel und der Nachbar erzählt von einem Bekannten, der ihm über die sich verschlechternde Bausubstanz im Haus gegenüber des Ladens berichtet hat. Selbst Loggien sollen schon wegen Einsturzgefahr gesperrt worden sein. Unser beider Blick geht nach oben und wir sehen zu unserer Überraschung was schon seit Wochen Wirklichkeit ist, eine abgestützte Decke. Niemand von uns hat das vorher bemerkt obwohl jeder für sich unzählige Male daran vorbeigelaufen war. Die Aufmerksamkeit war ausschließlich auf uns selbst gerichtet.

Loggien in der Nachbarschaft

Loggien in der Nachbarschaft

Eine Herzliste für 2014

Die Zeit zwischen den Jahren scheint eine besondere, teils heitere, teils nachdenkliche, Stimmung bei den Menschen hervorzurufen. Frau Dingens erstellte sich gestern eine Herzliste für das kommende Jahr. Sie meint damit nicht eine Liste guter Vorsätze, die sich eh in Luft auflösen ehe das neue Jahr begonnen hat sondern eine Liste von Aktivitäten „…was aber im Alltag auf Grund von Zeitmangel, Stress oder fehlender Ruhe meist untergeht“. Ich finde die Idee famos. Allerdings modifiziere ich die Liste für mich noch ein wenig und nehme keine Aktivitäten auf, die ich als verpflichtend ansehe, die ich zu mir selbst mit den Worten des „müssens“ oder „sollens“ spreche wie z.B. ich müßte mal wieder zum Krafttraining gehen. Nein, die Liste soll „freie“ Aktivitäten enthalten, die hoffentlich nicht durch das Niederschreiben zum Müssen oder Sollen mutieren.

1. öfter nach Westdeutschland reisen
2. mit der Holden in den Zoologischen Garten bzw. Tierpark gehen
3. eines meiner beiden Berlinbücher von Franz Hessel lesen
4. einen Fisch niedertemperaturig garen
5. eine interessante Nachfolgespielerei für den Nabaztag finden

Die Liste sei ggf. modifizierbar.

Zwischen den Jahren

Die Redewendung „Zwischen den Jahren“ hat es tatsächlich zu einem Eintrag in die Wikipedia geschafft. Dort werden Herkunft und Sinn sehr schön in aller Kürze dargestellt.

Für mich ist „Zwischen den Jahren“ der Zeitraum vom 27.12. bis zu Silvester und hat von Kindesbeinen an seine sehr eigene Bedeutung. Festgesetzt im „elterlichen Gefängnis“ an den Weihnachtsfeiertagen war der 27.12. der erste Tag, an dem meine Freunde und ich uns wieder trafen. Als Kurze im Juvenilstadium besorgten wir uns von irgendwoher Ladyknaller und Chinakracher. Die Matten der Ladykracher bauten wir mit ungeheurer Geduld auseinander um dann die Tage bis Silvester einen Haufen Dinge, von Auspuffrohren oder Baumrinden bis zu Briefkästen und Schneehaufen, mit den Knallern zu traktieren. Das große Finale unseres Tuns war natürlich der Silvesterabend. Später dann, als Jugendlicher wurden zwischen den Jahren Folgen des Beat-Clubs wiederholt, die wir jeden Nachmittag im TV sahen. (Die Fernsehlandschaft war eine deutlich andere als heute) Das Lebenstempo damals war ein ganz anderes, so war die Zeit deutlich gedehnt und diese fünf Tage erlebte ich als fast endlos.

Heute empfinde ich die Tage ähnlich denn ich versuche sie dem aktuellen Alter angemessen, wie „damals“ zu verbringen. Zurück vom Weihnachtsbesuch ist dieser Zeitraum ohne Termine, ohne To-Do-Listen und ohne Verpflichtungen. Auch die täglichen Handlungen wie beispielsweise das Frühstücken sind entschleunigt. So ist dieses „Zwischen den Jahren“ also völlig leer um das Lebenstempo zu drosseln und die Zeit zu dehnen. Ich fühle mich gut dabei.