Manche Muster müssen erst sichtbar gemacht werden. Muster in Daten müssen mit Hilfe von Werkzeugen sichtbar gemacht werden allerdings legen diese Werkzeuge die Erscheinung der Muster fest.
Ganz im Gegensatz dazu erscheint bei der aktuellen Wetterlage und der damit verbundenen Bodenmorphologie ein sehr charakteristisches Muster von Dreckflecken auf meinem Hosenbein, überraschenderweise ausschließlich am linken. Mir als erschrockenem Hosenträger ist die Vermutung der Ursache ein leichtes – es sind die neuen Schuhe, genauer das markante Profil. Eine zunächst höchst zufriedenstellende Erklärung, die jedoch kurze Zeit später durch das Tragen anderer Schuhe zurückgewisen werden muß – das Muster ist das gleiche.
Hosenbeine
Nun könnte ich die Sache natürlich auf sich beruhen lassen drängt sich da nicht gleich eine neue Vermutung auf – liegt es etwa an meinem Gang? Gehe ich womöglich seltsam? Diese bohrende Frage schreibe ich hier auf und lasse sie damit einfach los.
Die Friedrichstraße gliedert sich in drei Bereiche. Von Süd nach Nord, vom Mehringplatz zum ehemaligen Checkpoint Charlie, erstreckt sich in der Südlichen Friedrichstadt die steingewordene Persistenz des alten Berlin (West) mit seinen Bauten des Landesarbeitsgerichts und des Landesamts für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten, eine eher graue Zeile mit wenig Menschen auf der Straße. Nördlich davon bis Unter den Linden folgt die Einkaufs-, die Konsumstrecke in den neu erbauten Quartieren. Hier bewegt sich die große Menge Touristen gemächlich an den Auslagen der Geschäfte vorbei. Der Bereich der Friedrichstraße in der Dorotheenstadt ist seltsam vertraut mit dem Bahnhof Friedrichstraße, dem Tränenpalast und der ewigen Kreuzung Friedrich- Oranienburger Straße.
Ein Spaziergang vom Mehringplatz zum Bahnhof Friedrichstraße ist ein Leichtes. Diesen Weg gehe ich aber nicht in Form des Schlendern oder Flanieren sondern in einem eher schnellen Schritt, der ein Ziel oder Unruhe vermuten läßt. Müßiges Gehen scheint sowohl unter der Bedingung der Persistenz der Örtlichkeit als auch in der Masse von Menschen unmöglich. Kontemplative Ruhe stellt sich erst beim Besuch des Buchladens ein, in der Anschauung der verschiedenen Werke mit ihren Formen, Schriftarten, Einbänden und Farben. Der Spaziergang wird in der Kölschkneipe mit dem Lesen der ersten Seiten des neuerworbenen Buches bei einigen Kölsch abgeschlossen. Mit der U-Bahn geht es anschließend in gehobener Stimmung nach Hause.
Der Oktober war und die erste Woche des Novembers ist golden. Zweistellige Temperaturen mit viel Sonne sind zu der Jahreszeit ungewöhnlich. Die Heizung ist bisher abgestellt. Der kurze Post wird eine Hilfe sein wenn in der Zukunft eine ähnlich ungewöhnliche Wetterlage erscheint und ich mich an gewesene erinnern will. Der Baum in der Nachbarschaft am Parkrand zeigt sein Aussehen im April und im November.
Mit mehreren Tüten beladen komme ich bei dieser Hitze vom üblichen Wochenendeinkauf zurück. Dabei überquere ich nicht den Mehringplatz sondern durchquere ihn unterirdisch über die doch freundlicher temperierte Station der U6 um dann den Schatten der Luftgeschosse der Nachbarhäuser auszunutzen. Kinder spielen im deutlich kühlen Raum um die große Briefkastenanlage. Ein kleines Mädchen öffnet mir freundestrahlend die Haustüre und ich bedanke mich bei ihr. Ich öffne meinen Briefkasten und sichte die einliegende Post als das kleine Mädchen mir stolz einen Werbekatalog zeigt. „Guck ma was ich hier habe“ fordert sie mich strahlend auf und blättert in dem Werbekatalog. „Kannste schon lesen und wo haste den denn her?“ frage ich sie und sie zeigt auf einen Briefkasten. „Und wo wohnste?“. Sie zeigt auf einen anderen Briefkasten in einem anderen Stockwerk. Belustigt wende ich mich in Richtung des Fahrstuhls.
Jahrelang blickte ich aus den Fenstern meiner Wohnung in Richtung Norden über die Flucht der Straße und auf eine Brandmauer. Die Brandmauer trat unvermittelt und den Blick absorbierend auf, ein trostloser Anblick. Sie war das unbeabsichtigte Ergebnis vom Abschied einer überdimensionierten Stadtentwicklungspolitik unter dem Leitbild der autogerechten Stadt in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, statt Abriß des Hauses samt Brandmauer und Bau einer Ost-West-Stadtautobahntrasse entstand eine Straße in der Lücke zwischen der Brandmauer und dem Grundstück „meines“ Hauses.
Brandmauer
Die Nachbarschaft veränderte sich. Neubau, Sanierung, Einrichtung eines Nachbarschaftsparks, Anlegen neuer Plätze gaben der Umgegend ein neues Gesicht, einzig die Brandmauer blieb erhalten – steinernd. Im letzten Jahr wuchs überraschend aus dem Hof des Hauses der Brandmauer ein Kran und natürlich lag der Schluß nahe, daß sich auch an diesem Haus etwas ändern wird.
Geht man durch die Haustür an den beiden Fahrstülen vorbei öffnet sich ein Raum mit einer mächtigen Briefkastenanlage in seiner Mitte. Diese rotlackierte Briefkastenanlage ist von allen Seiten zugänglich und erinnert an eine etwas zu groß geratenen Kochinsel aus der (stereo)typischen amerikanischen Küche. Die Briefkastenanlage hat ein „Luftgeschoß“, dort steht ein Mülleimer. Die Oberseite der Anlage, ich nenne sie jetzt die Plattform, ist eine Ablage oder Parkstation für unterschiedliche Dinge und zu unterschiedlichen Zwecken. Die langen Jahre, in denen ich in dem Haus wohne wird die Plattform von vielen Nachbarn zur Entsorgung ihrer unverlangten Postwurfsendungen und Werbezettel benutzt. Für diese ist das Entsorgen in den darunterstehenden Mülleimer sicher eine zu große Anstrengung, eine Überforderung. Die anderen Dinge die gerne auf der Plattform hinterlegt werden sind Briefe mit der richtigen Adresse des Hauses aber an eine Person, die nicht auf den Briefkastenschildern zu lesen ist. Die Plattform dient als öffentlicher Briefkasten. Ein weiterer Zweck dieser Plattform dient dem anonymen Teilen von Dingen. Dieser Zweck war mir lange Zeit verborgen ich konnte ihn nicht entziffern, da ich ihn mit dem ersten Zweck, dem Entsorgen von Dingen verwechselt habe. Bewußt ist mir das erst geworden als ich einen Nachbarn treffe, der gelesene Bücher dort ablegt und mir erklärt, daß er die Bücher für zu schade zum Entsorgen hält und sie auf die Plattform legt damit andere Personen die Bücher in Besitz nehmen können. Seitdem habe ich einen anderen Blick auf die Plattform. Zu Beginn dieser Woche steht ein Paar niedlicher Kindergummistiefel mit Herzchen auf der Plattform, keine zwei Stunden später haben sie bereits den Besitzer gewechselt. Am Ende der Woche hat jemand eine ganze Tüte mit Babykostgläschen auf der Plattform zum Teilen platziert. Auch diese finden binnen kurzer Zeit einen neuen Besitzer.
Babykost auf der Teilenplattform
Es ist schon erstaunlich welche Formen sozialen Handelns schon in unmittelbarer Nachbarschaft wiederentdeckt werden können.
Das erste Wochenende des Jahres mit viel Sonne und Temperaturen im zweistelligen Bereich ist wunderbar. Das macht Lust auf einen Besuch im Nachbarschaftspark und auf eine Session auf Balkonien. Die landschaftsgärtnerischen Strukturen vor dem Wohnhaus sind noch im Winterschlaf aber im Nachbarschaftspark sprießen die ersten Krokusse. Am Nachbarschaftspark bewegt sich der aufgeschüttete Boden auch unter der wohlgepflasterten Oberfläche. Das Gekriech verdrängt auch die senkrecht gestellten Plattenstufen.
Gekriech
Während meiner Nachmittagssession auf Balkonien besucht mich die erste Hummel in diesem Jahr. Langsam heißt es Winter adé…
In der Markthalle Neun findet heute die zweite Wurst und Bier statt. Von 11 bis 19 Uhr ist das Verkosten von Craft Bieren und fleischlichen Genüssen angesagt. Ich bin pünktlich um 11 Uhr da, denn es wird garaniert voll werden, nasche leckere Bratwürste und delektiere mich an den Bieren von Heidenpeters, AleBrower, Hans Müller Sommelierbier/ Hans-Craft sowie Kehrwieder und anderen Köstlichkeiten. Wie vermutet, ist es recht schnell voll in der Halle, die Stimmung ist außerordentlich gut, um 14 Uhr verabschiede ich mich leider schon. Ich verlasse die Markthalle an einer riesigen Schlange Eintrittwilliger, die bis auf die Straße reicht, vorbei. Im nächsten Jahr werde ich gerne wieder dabei sein – und natürlich pünktlich zu Beginn.
Man photographiert Dinge um sie aus dem Sinn zu verscheuchen. (Franz Kafka nach Gustav Janouch)
Für dieses Jahr habe ich bewußt keine Herzliste aufgestellt, denn mir erscheint es wichtiger die Vorauaussetzungen der Notwendigkeit einer solchen Herzliste, “…was aber im Alltag auf Grund von Zeitmangel, Stress oder fehlender Ruhe meist untergeht”, möglichst zu verändern. Die Grundstock für das gute Leben ist die Vermittlung von vita activa und vita contemplativa und nicht ein Übergewicht von „Aktivität“. Auch einen schriftlichen Jahresrückblick habe ich mir verkniffen, dafür aber im Gesichtsbuch die Funktion Jahresrückblick auf Basis der eingestellten Photographien genutzt. Die Kommentare zum Ergebnis sind irgendwie belustigend, von „Essen und Bier, mehr gabs nicht…“ über „man könnte sagen: beer & burger“ und „fast etws monothematisch – aber genau mein Ding“ zu „geradezu kronknorke“ wird das Übergewicht von Essens- und Bierbildern beschrieben. Dabei ist dies nur eine ziemlich kleine Auswahl an Bildern, die ich an anderen Orten aufbewahre. Die für mich wirklich wichtigen Bilder, die, die ich sehe wenn ich die Augen geschlossen gehalte, die sozusagen aus dem Unbewußten kommen sind das gezeigte Panorama und die Homebrewingbilder. Letzteres ist sicher keine Überraschung, das Panorama „verstehen“ nur drei Menschen mit denen ich im Gesichtsbuch verbunden bin.
Das erste Bier von Johann Heidenpeter trinke ich auf dem Berliner Craft Bier Fest 2014 am 30 Mai. Das erste ist das Saisonniére, das zweite ist die Thirsty Lady und das dritte ist das Pale Ale, das ich sofort zu meinem Lieblingsbier erkläre. Meine Bewertungen zu den Bieren von Heidenpeters und anderen kann sich der geneigte Interessent bei Untappd ansehen. Danach dauert es eine Weile bis zu einem zufälligen Besuch in der Markthalle IX bei dem ich nun auch den Stand von Heidenpeters entdecke. Selbstverständlich trinke ich die Karte herunter was nicht sonderlich schwer ist, da sie grundsätzlich drei Biere umfaßt. Der selbstgebaute Stand aus Holz, hinten in der Ecke der Markthalle drückt Minimalismus aus, was ich besonders sympathisch, denn nichts lenkt den Besucher vom Genießen der Biere ab. Im Gespräch mit Bedienung und Kunden, sowie auch einer kurzen Recherche auf den einschlägigen Blogs beginne ich das Konzept von Heidenpeters zu verstehen und bin schon ein klein wenig beeindruckt von Johanns klarer Art der Selbstbestimmung. Das Bier zu brauen, das man selbst für das richtige hält ohne sich hereinreden zu lassen und dieses noch zum Erfolg zu führen finde ich bemerkenswert. Das ist ja fast „Steve-Jobs-artig“. Seit diesem ersten zufälligen Besuch komme ich, so oft es die Zeit erlaubt, wieder. Es ist irgendwie ein gutes Gefühl zu wissen, daß unter seinen Füßen im Keller des Gebäudes der Brauprozeß stattfindet. Das Bier wird in kleinen Mengen produziert, auch hier will Johann sich nicht irgendwelchen Zwängen ausliefern. Ich bin nur froh über den Außerhausverkauf, den man ebenfalls am Stand tätigen kann. Zwei Euro für eine 0,33l Flasche handgebrautes Bier finde ich angemessen und nehme gerne sechs davon fürs Wochenende mit. Zweifünfzig für ein Glas im Ausschank ist ebenfalls angemessen. Ich glaube, hätte das Heidenpeters Hocker an seinem Stand, dann wären meine Sessions dort sicherlich länger aber ich vermute mal darauf wurde bewußt verzichtet.
Pale Ale von Heidenpeters
Ich finde es hochspannend, wie z.B. das Pale Ale je nach gebrauter Charge mal mehr, mal weniger im Geschmack differiert denn in einem handwerklichen Verfahren kommte es im Zeitablauf zu Abweichungen im Produktionsprozeß. Ich empfehle die Biere von Heidenpeters nachdrücklich.