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Das kann Instagram doch eigentlich besser

Ja, Instagram ist knorke, genauer gesagt war knorke. Es ist nachvollziebar, daß die Eigentümer diesen Dienst nicht aus reiner Philanthropie betreiben, nein, der Dienst soll auch wirtschaftlich sein. Verständlich sind Versuche die Timeline in der Form zu verändern, daß der geneigte Nutzer dort länger verweilt und somit den Dienst wirtschaftlich attrakiver macht. Diese Manipulation von Chronologie zu einem irgendwie gearteten Gebilde ist einigen, mir auch, sauer aufgestoßen. Aber der Mensch lernt damit umzugehen, erfindet Techniken, sodaß das gestörte Nutzererlebnis fast wieder wie unter chronologischen Bedingungen ist. Auch das Problem der, zunächst erratischen und dann nicht mehr angebotenen instagram-2-flickr-bridge läßt sich verschmerzen.

Kritisch, nein, nervend ist die aktuelle Ausspielung von Werbung, der gesponserten Post. Dabei hat Instagram die sanfte Werbeausspielung hat ja beherrscht. Zur Zeit ist es so: Wird Instagram geöffnet, ist nach den ersten drei Posts der vierte ein gesponserter, danach folgt nach acht bis neun Posts ein gesponserter. Das ist zuviel, das ist Flatulenz. Die Aufforderung, bzw die Möglichkeit diesen Posts zu verwerfen, indem man ihn anklickt um dann eine Begründung zu markieren ist respektos gegenüber dem Nutzer. Dieses wäre bei einer deutlich geringeren Frequenz angemessen. Aber man weiß ja nie. Vielleicht lernen die Nutzer damit zu leben. Ist das Muster halbwegs erkannt kann sich eine Technik des Weiterscrollens, des Nichtwahrnehmens etablieren. Davon haben zwar Instagram und der Werbetreibende nichts, für den Nutzer wird die Flatulenz der gesponserten Posts halbwegs erträglich

Trotzdem, das geht so nicht. Instagram ist kaputt!

Überwältigende Erkenntnis

Wenn einen die Erkenntnis überwältigt ist das ein großartiges Gefühl. Wenn einen die Erkenntnis überwältigt, daß Ereignisse nicht aufgrund von Verschwörung oder Bosheit sondern durch Zufall ausgelöst werden ist das erleichternd möglicherweise auch ambivalent und sogleich stellen sich weitere Fragen. Warum hab ich das nicht gleich gesehen? Warum ärgere ich mich über meine Blindheit? Und natürlich eine Menge Fragen mehr. Introspektion ist nicht immer einfach und negative Emotionen können einerseits hilfreich sein, andererseits besteht die Gefahr eines dauerhaften gedanklichen Lock-In-Effekts.

Das Wetter ist großartig, der Himmel blau und den Menschen freundlich zugewandt, die Sonne lacht und erwärmt mit ihrer ganz eigenen Zuneigung die Luft.

Erstmal ein Bier zur Abkühlung und über die Freude eines befreiten Kopfes…

American IPA

American IPA

Und wieder die Kaffeemaschine

Zu Kaffeemaschinen und Filtertüten scheine ich ein spezielles Verhältnis zu haben:

Ich stehe auf, hole die Sonntagszeitungen herein und schalte die Kaffeemaschine an. Ich setze mich an den Tisch und sortiere die Sonntagszeitung des Vertrauens wie üblich – oben den Reiseteil, dann Politik, Wirtschaft, Finanzen, Wissenschaft, Wohnen, Leben und ganz nach unten das Feuilleton. Die Kaffeemaschine macht heute sehr seltsame Geräusche, scheint sehr kurzatmig zu sein, läßt ein ungewöhnliches Gurgeln vernehmen. Nach Verarbeiten der Hälfte des Wassertanks schaltet sie sich aus. Die Kaffeemaschine macht schlapp – am Sonntag! Nach einer Weile starte ich sie erneut, das Ergebnis ist wie zuvor. Die Holde kommt hinzu und ich teile ihr zerknirscht den Ausfall des Geräts mit. Sie schaut sich kurz um und macht deutlich, daß die Kaffeemaschine nach der Reinigung am Vortag nicht wieder vollständig zusammengebaut ist, das obere Teil des Einwegventils fehle!

Beim Aufsetzen der Kaffeemaschine übersah ich das Fehlen des oberen Ventilteils völlig. Meine Aufmerksamkeit war auf ganz und gar auf andere Dinge, nämlich die Überschriften auf den Titelseiten der Sonntagszeitungen, gerichtet. Kein Wunder…

Was ist mit der Ampel?

Die Fahrspuren der Straße sind eingeschränkt, an der Kreuzung wird nur noch eine Fußgängerampel in Betrieb gehalten. Die Rotphase dieser Fußgängerampel ist im Vergleich zum Normalbetrieb sehr, sehr lang. Wird auf den Grünphasenknopf gedrückt dauert es mehrere Minuten bis die Ampel auf Grün springt. Wer das weiß wartet gelassen. Durch das Museum in der Nähe sind sehr viele Ortsunkundige zu Fuß unterwegs, die diese Kreuzung überqueren müssen. Ist es eigentlich überraschend, daß die meisten Wartenden nicht die Gelassenheit haben die Rotphase abzuwarten? Einige drücken mehrmals den Grünphasenknopf, natürlich ohne unmittelbaren Erfolg. Ihre Gedanken sind klar lesbar – das Narrativ – die Ampel ist kaputt. Und dann Überqueren sie die Straße bei Rot. Hat etwa der Action Bias zugeschlagen?

Über Alterszuschreibungen

Mit Ágnes Heller läßt sich der folgende Gedankengang entwickeln:

Das Alter ist ein objektiver Begriff. Das Alter ist mit einem Meßsystem reliabel erheb- und es ist darstellbar. Bemächtigt sich die, nach Kant apriori bei jedem Menschen vorhandene Einbildungskraft dieses Begriffs, ist es möglich über diesen objektiven Begriff alles zu denken. Die Einbildungskraft beeinflußt das Denken und umgekehrt. Die Phantasie ist in der Lage Vor-Urteile zu erzeugen.

Ältere Menschen sind risikoscheu weil sie sich ihrer Endlichkeit bewußt sind.
Ältere Menschen sind risikofreudig weil sie sich ihrer Endlichkeit bewußt sind.

Beide sich widersprechende Kausalaussagen sind in der Gesellschaft vorhanden und deshalb Vor-Urteile.

Die „narrative Verzerrung“ ist nach Nassim Taleb das Unvermögen logische Verknüpfungen zwischen einer Reihe von Fakten zu unterlassen. Das Bedürfnis einer Reihe von Fakten (kausale) Narrative oder Muster zuzuschreiben ist unwiderstehlich; erst dann ergeben Fakten Sinn und Ordnung, geben Kontrolle über die Fakten. Werden z.B. Wahlentscheidungen nach Altersgruppen graphisch präsentiert so werden sie interpretiert, eine Betrachtung ohne Extraktion von Mustern bzw. ohne eines Narrativs oder das Eingeständnis „das sagt mir nichts“ kommen so gut wie nie vor. „Narrative Verzerrung“ kann sowohl die Anwendung als auch die Generierung von Vor-Urteilen sein. Das Sprechen über das Ergebnis nach Altersguppen zum Brexit im Vereinigten Königreich ist mit Vor-Urteilen behaftet.

Die technisch-mathematische Anwendung der Mustererkennung ist das Data Mining und Big Data. Für viele sind die Muster die Logik der Fakten, nicht etwa nur das Korrelat. Dabei kann es zu Fehlschlüssen kommen. Wäre es nicht sinnvoll in diesem Bereich von soetwas wie maschinellen Vor-Urteilen zu sprechen?

Die linke Seite

Manche Muster müssen erst sichtbar gemacht werden. Muster in Daten müssen mit Hilfe von Werkzeugen sichtbar gemacht werden allerdings legen diese Werkzeuge die Erscheinung der Muster fest.

Ganz im Gegensatz dazu erscheint bei der aktuellen Wetterlage und der damit verbundenen Bodenmorphologie ein sehr charakteristisches Muster von Dreckflecken auf meinem Hosenbein, überraschenderweise ausschließlich am linken. Mir als erschrockenem Hosenträger ist die Vermutung der Ursache ein leichtes – es sind die neuen Schuhe, genauer das markante Profil. Eine zunächst höchst zufriedenstellende Erklärung, die jedoch kurze Zeit später durch das Tragen anderer Schuhe zurückgewisen werden muß – das Muster ist das gleiche.

Hosenbeine

Hosenbeine

Nun könnte ich die Sache natürlich auf sich beruhen lassen drängt sich da nicht gleich eine neue Vermutung auf – liegt es etwa an meinem Gang? Gehe ich womöglich seltsam? Diese bohrende Frage schreibe ich hier auf und lasse sie damit einfach los.

Überraschung im Zug

In den vergangenen vierzehn Tagen reiste ich zweimal mit der Deutschen Bahn in der 1. Klasse (natürlich mit Spartarif) von Berlin nach Frankfurt. Auf der ersten Hinfahrt ging ich, den Üblichkeiten entsprechend, mit dem iPhone ins Wlan, das tadellos funktionierte. Den Üblichkeiten entsprechend heißt mit dem Online Manager der Telekom. Das iPad blieb im Flugmodus, da mir die erforderlichen Zugangsdaten für den Online Manager fehlten. Ich ärgere mich regelmäßig über die weniger als nutzerfreundliche Abfrage eines Zugangscodes per SMS, bei der erst die Simkarte aus dem iPad geprökelt werden muß um sie dann in ein SMS-taugliches Device zu stecken, den Code abzurufen um dann die Karte wieder ins iPad zurück zustecken. Eine Usability-Hölle. Auf der Rückfahrt bekam ich zufällig mit, als die Zugbegleitung einem Fahrgast den Wlan-Zugang erklärte, daß der Online Manager nicht mehr notwendig ist. Es reicht aus das Wlan zu konnektieren, eine Seite aufzumachen und loszusurfen. Herrrlich! Das funktioniert ja schon eine Weile in der einfachen Art und Weise.

Warum hab ich das nicht mitbekommen? Warum habe ich an alten Gewohnheiten festgehalten? War das etwa ein Streich von System I?

Über essigsaure Tonerde

Gibt man in die Suchmaschine des Vertrauens die Wörter „essigsaure Tonerde“ ein oder nimmt ein noch zufällig im Haushalt befindeliches Chemiebuch beziehungsweise einen Gesundheitsratgeber zur Hand, dann erfährt man einerseits die wissenschaftliche Bezeichnung Aluminiumdiacetat und lernt andererseits, daß die Konsistenz oder Aggregatzustand der Tonerde fest ist. Letzteres wundert bei dem Namen nicht. Mein Bild von der „essigsauren Tonerede“, geprägt in Kindheit und Jugend ist allerdings eines von einer Flüssigkeit im Standgefäß. Das Standgefäß selber ist eine enghalsige Rundschulterflasche aus Braunglas mit einem eingeschliffenen Glasstopfen. „Essigsaure Tonerde“ gehörte zum elterlichen Haushalt wie ein Pflaster und wurde bei Insektenstichen, Prellungen und Verstauchungen zur Kühlung und Linderung verwendet.

Dieses erinnernd begebe ich mich zur Apotheke des Vertrauens in der Nachbarschaft und ordere einen halben Liter „essigsaure Tonerde“. Mein Anliegen scheint wie aus der Welt gefallen zu sein, zumindest irritiere ich mit meinem Wunsch die Bedienung. Die Apotheke des Vertrauens ist ein wunderlicher Ort, eine Art Potemkinsches Dorf. Ich vermute mal es gibt dort kein Lager, nur das was in den Auslagen der öffentlichen Verkaufsfläche liegt ist auch wirklich vorrätig. Alles andere muß bestellt werden. Und tatsächlich, auch bei diesem meinem Anliegen ist „essigsaure Tonerde“ nicht im Bestand, weder in fester noch gelöster Form und ich habe fast den Verdacht sie gibt es nicht gelöst. Mein Verdacht wird bestärkt durch das Angebot der Apothekerin ich möge doch aluminiumdiacetathaltige Kompressen oder Salben erwerben, die aber selbstverständlich auch nicht vorrätig sind. Ich lehne höflich ab und verzichte auf einen Kauf. Die Breite des Angebots erscheint mir nicht hilfreich, ich möchte gerne den Klassiker verwenden und überlege ob ich mich nicht an eine Drogerie wenden sollte. Das erscheint sinnlos, da ich außer Drogeriemärkten keine klassische Drogerie in meinem Umfeld kenne. Das Verwenden wassergekühlter Wickel sollte vielleicht ebenso gute Dienste tun. Manchmal ist Fortschritt seltsam.

Vom überraschenden Unbewußten

Gewisse Streiche spielt mir mein Gehirn ja gelegentlich und wenn ich das bemerke, bemerke ich es meistens mit Amusement wie die Filtertütensache. Ein Streich letzte Woche war völlig überraschend. Mich im Urlaub befindend wollte ich kurz ins Büro um einige Unterlagen abzulegen und etwas zu drucken. Bewußt ließ ich meine Paßwortnotizen daheim und schon in der U-Bahn auf dem Weg ins Office versuchte ich das Paßwort für die Macbookverschlüsselung zu erinnern. Es gelang mir nicht. Ich versuchte zu entspannen und nicht mehr weiter daran zu denken. Im Büro angekommen und das Macbook wie üblich angeschlossen erinnerte ich das Paßwort immer noch nicht. Ich mußte aufgeben, meine Sachen stehenlassen um wieder nach Hause zu fahren um in den Notizen nachzusehen. Beim Gang von der heimischen U-Bahnstation in Richtung der Wohnung war das Paßwort kurz vor dem Zuhause überraschend wieder präsent, sofort – ohne zu zögern und ohne Anstrengung.

Ich denke immer noch darüber nach, war es Zufall oder wollte etwas im Unbewußten mich von irgendeinem Tun abhalten? Verwirrend ….

Über das SPD-Mitgliedervotum zum Koalitionsvertrag

Die SPD scheint eine höchst erstaunliche Partei zu sein. Sie hält Regionalkonferenzen zu einem noch in keiner Weise finalisierten Koalitionsvertrag mit der CDU/CSU ab und streitet sich leidenschaftlich dabei. Wie kann das eigentlich sein? Ist das Absurde in die Partei eingezogen? (Einige Gegner aber auch Freunde der SPD würden behaupten, das Absurde wohne schon geraume Zeit dort.)

Es gibt, sehr grob gesagt, zwei Möglichkeiten Entscheidungen zu treffen. Die schnelle, leichte Art, die auf einer wie immer gearteten Heuristik beruht und die langsame, anstrengende Art und Weise, die das intensive Nachdenken und Reflektieren zur Methode hat. So wie der Prozeß des Mitgliedervotums angelegt ist, vermute ich, fürchtet die Parteiführung die erste Art, will sie aber gleichzeitig als möglichst alleinige Entscheidungsfindung durchdrücken. Was meine ich damit?

Nicht jedes Mitglied wird den Koalitionsvertrag durcharbeiten um dann eine wohlabgewogene Entscheidung zu treffen sondern eher die Abkürzung nehmen, nach dem Motto „Mit den Konservativen sowieso nicht!“ oder „Mein Herzensthema ist nicht dabei“. Einer solchen Art der Verkürzung wird die Parteiführung mit Ersetzung entgegenwirken. Die Ersetzung erfolgt mit entpolitisierten Entgegnungen wie z.B. „Wenn wir das Leben von Millionen verbessern können, dann müssen wir das machen!“. Eine solche Aussage fällt vielleicht in die Philosophie, hat aber mit politischem Handeln nichts zu tun, da eine Gegenposition unmöglich ist. Die Mitglieder sollen ihre genutzte Heuristik durch diejenige des Parteivorstands ersetzen und zur Zustimmung bewegt werden.
Eine weitere Ersetzung, die der Parteivorstand anbietet ist die der Führung durch Vertrauen. Die Mitglieder sollen entlastet werden damit sie den Vertrag nicht unbedingt selber zu lesen brauchen. Der Parteivorstand werde ja schon nichts Unsozialdemokratisches vorlegen.
Wenn am 5.12. der Vertrag online publiziert wird, am 6.12. bei allen Mitgliedern postalisch eingegangen ist, dann muß die Entscheidung der Mitglieder spätestens am 9.12. in der Post sein. Allein dieses enge Zeitregime wird viele Mitglieder in eine heuristische Entscheidungsfindung zwingen. Dafür muß von Seiten der Parteiführung der Boden bereitet werden und eben eine Vielzahl von alternativen Heuristiken angeboten werden, die die Mitglieder als Ersetzung verwenden können und es damit einfacher haben zuzustimmen.

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