Schlagwort-Archive: Algorithmen

Über Automatisches Schreiben (2)

Perspektivwechsel: Weg von der Psychologie und hin zum künstlerischen Procedere. Automatisches Schreiben ist Montage. Ist es aus dieser Perspektive relevant ob ein Mensch schreibt oder eine Maschine?

Über Automatisches Schreiben

Veränderung eines Begriffs in der Zeit: Vor hundert Jahren war Automatisches Schreiben die Verschriftlichung von Gefühlen, Emotionen, der emporsteigenden Sedimenten des Unbewußten unter Absehung der Vernunft und ohne Korrektur des Geschriebenen. Heute ist Automatisches Schreiben Textproduktion unter Verwendung maschineller Binärschrift ohne daß die Maschinen das Geschriebene interpretieren können. Was macht das mit den Lebenden?

Über Erwachseneninhalte

Das unschuldige, das reine Internet scheint wunderbar in das notwendige einzelwirtschaftliche Kalkül der Plattformanbieter zu passen. Tumblr, einst lebensnah und wenig prüde hat jetzt sogenannte Erwachseneninhalte unter Bann gestellt, bis 16.12.2018 waren sie nach Kennzeichnung erlaubt. Im Hilfecenter beschreibt Tumblr was unter Erwachseneninhalte zu verstehen sei:

Erwachseneninhalte sind in erster Linie Fotos, Videos oder GIFs, die Genitalien von echten Menschen oder entblößte weibliche Brustwarzen zeigen, außerdem auch sämtliche Inhalte – Fotos, Videos, GIFs und Illustrationen -, die Sexualakte zeigen.

Weibliche Brustwarzen – und erst recht ihr Anblick – scheinen gefährlich zu sein und die Sicherheit und Ordnung ganzer Gesellschaften außer Kraft zu setzen und die zwingenden Profitinteressen Tumblrs zu unterminieren. Um dem zu begegnen setzt Tumblr Machine Learning ein um diese höchstgefährlichen Inhalte auszusortieren. Machine Learning macht Fehler. So im Tumblelog „horax sammelt hier„, das auch mit den Posts von diesem Blog aus befüllt wird. Als höchstgefährlich wurden 3 Bilder klassifiziert: Frisches Geflügel in den Auslagen der Metztgerei „Kumpel & Keule“, eine nackte männliche Skulptur aus dem Alten Museum und ein Bild mit einem Burger.
Nach Intervention wurden die Bilder von einem menschlichen Wesen begutachtet und der neuen Richtlinie angemessen befunden.
Immer dieses Foodporn…

Classic-Burger Classic-Burger

Über das ringende iPad

Vier oder fünf Jahre sind, beim heutigen Stand der Technik, für ein iPad eine sehr, sehr lange Zeit. Es ist eine Seniorin und manchmal zeigt es auch Gebrechen. Der Home-Button ist so eine Schwachstelle. In ihm sedimentiert sich besonders das Zusammenspiel zwischen iPad und der Besitzerin. Je nach Intensität der Nutzung dringen mikroskopisch kleine Partikel des Home-Buttons in die Haut des Fingers der Besitzerin ein, ebenso dringen Hautpartikel der Besitzerin in die oberste Lackschicht des iPads ein. Zudem verändert der Druck der Besitzerin den Home-Button und seine Gängigkeit. Aber das iPad nimmt noch mehr von der Besitzerin auf: Gedanken, die verschriftlicht werden und im Gerät abgespeichert werden. Mathematische Operationen führt das iPad in verschiedenen Applikationen für die Besitzerin durch. Durch das Speichern von Informationen und durch das Rechnen ist es eben auch Geist und zeigt eine Ähnliches wie Intelligenz. Geht das iPad verloren oder ist es defekt, so ist auch der Geist der Besitzerin in Mitleidenschaft gezogen wenn das Gespeicherte nicht mehr verfügbar ist und mathematische Operationen nicht mehr durchführbar sind.

Manchmal ist beobachtbar wie ein gebrechliches iPad ringt. Es ringt mit sich selber und mit der Besitzerin. Mal zeigt sich der Home-Button störrisch, funktioniert er tadellos. Ist das ein Hinweis darauf, daß es nicht ersetzt oder deaktiviert werden will?  Denn beide sind sich im Laufe ihrer gemeinsamen Zeit buchstäblich nähergekommen. Und zumindest eine von Beiden weiß das auch.

Über die Taxonomie

Taxonomien mögen in der Logik und im Formalen ihre Berechtigung haben. Die Abstraktion und Deduktion unterstützen sie vortrefflich. Über das Verteilte, das Zerstreute, das Plurale, das Zufällige, das Vieldeutige sagen sie nichts. Deshalb sagen sie wenig über das Lebendige.

Über ein Beta-Testing mit Instagram

Über die nicht-chronologische Timeline in Instagram sind wir wenig erfreut, trotzdem geben wir dem Dienst immer wieder noch eine Chance. Nicht wirklich aus vollem Herzen, sind die Locations doch nicht von Foursquare sondern Eigengewächse, was uns immer wieder Probleme bereitet und die Timeline wird dazu von völlig irrelevanter/m Werbung/Sponsoring verstopft. Gelegentlich fragt uns Instagram ob wir an einem Beta-Testing teilnehmen wollen und wir sagen gerne zu, in der Hoffnung, daß sich wesentliches zum Guten ändert. Wir probieren die Betaversion diesmal auf dem iPad aus. Mit großem Interesse wollen wir über das Neue Feedback geben – wir haben nur ein Problem: Wir wissen nicht was wir testen sollen. Und wir sehen keine Veränderung. Hinweise suchen wir vergeblich. Ein Anschreiben des Dienstes ist müßig, der Testgegenstand sollte klar sein. Aber so ist halt Instagram (sagen wir fatalistisch zu uns selbst) – unvollkommen, intransparent und eigentlich haben wir keine Lust drauf.

Aber warum benutzen wir es immer noch?

Über betrunkene Algorithmen

Wir machen es uns einfach und vermeiden den Begriff Künstliche Intelligenz sowie Smarte Maschinen. Wir nennen das Ergebnis eines ausgeführten Algorithmus „Entscheidung“ wohl wissend, daß eigentlich nur Menschen entscheiden können. Algorithmus steht in unserem Falle einfachhalber auch für ein ganzes Bündel von Algorithmen, für Millionen Zeilen Maschinenschrift. Entscheidend ist, daß dieser Algorithmus eine Entscheidung über Menschen trifft ohne daß das Ergebnis von einem anderen Menschen geprüft wurde und somit als alleinige Entscheidung im Raum steht.
Um doch etwas Komplexität in den Gedanken zu bringen nehmen wir an, der Algorithmus besäße Emotionen. Dazu sei jetzt nicht notwendigerweise Bewußtsein notwendig. Auf einem Panel wird der Algorithmus, der negative Emotionen zeigt und Entscheidungen trifft „betrunkener Algorithmus“ genannt. Nicht nur ein betrunkener Algorithmus sondern ganz grundsätzlich ein Algorithmus mit Emotionen ist etwas, das viele Menschen erschreckt.

Über das Angesprochenwerden durch Maschinen

Eine Überlegung ist es, daß wir uns unsere Identität nur über die Relation zum Anderen ausbilden. Im Angesprochenwerden zeigt sich eine Seite dieser Relation. Schon (vor oder) nach der Geburt und ohne bereits eine psychische und soziale Identität ausgebildet zu haben werden wir (mit Namen) angesprochen. Das Angesprochenwerden ist vor dem Antwortenkönnen.
Heteronomie liegt vor Autonomie. Das heteronome Angesprochenwerden ist Anerkennung unserer Identität.

Diese Überlegung können wir so erweitern, daß selbst in der übelsten Ansprache die, meist unabsichtliche, Anerkennung unserer selbst durch den Übeltäter steckt. Wenn zunehmend Maschinen mit uns sprechen was bedeutet dies eigentlich? Für die Maschine sind wir verarbeitete Binärschrift; sie hat keine eigene Sicht und sieht uns nicht einmal verdinglicht. Aber was bedeutet das für uns? Wenn Maschinen uns ansprechen, bildet diese heteronome Ansprache, samt unabsichtlicher Anerkennung, auch unsere Identität aus? Und was folgt daraus wenn die sprechenden Maschinen immer mehr werden?

Wunderliche Schnellschüsse

Ich bin auf der Konferenz „Digitales Leben – Vernetzt. Vermessen. Verkauft?“ auf der Heiko Maas seine Ideen zu soetwas wie einer „Algorithmenregulierung“ vorstellt. Das was ich höre ist aber nicht das, was ein Onlinemedium vor der Konferenz veröffentlicht hat und auch weitere literale Medien nach der Konferenz veröffentlichen werden. Der Minister hat nur etwas mehr Transparenz zu Algorithmen angesprochen, wie diese ausgestaltet werden kann soll aber dem politischen Prozeß überlassen werden. Es gibt von ihm keinerlei Vorgaben. Nicht gefordert hat er die Vorstellung jedes komplexen Algorithmus bei einer Aufsicht. Genehmigungsverfahren soll es nicht geben. Also bürokratische Monster sollen nicht geschaffen werden. Daß der Minister seine Ideen noch kurzfristig öffentlich vorgestellt hat mag man ihm nachsehen, er möchte halt Aufmerksamkeit haben. Daß nun einige Medien so wunderliche Schnellschüsse über seine Rede absondern mag auch mit Aufmerksamkeitsdefiziten erklärt werden. Über Letzteres kann ich aber nur den Kopf schütteln.

Google meint ich hätte kein Gesicht

Ich richte mir eine Teststellung G Suite ein. Eigentlich möchte ich die Domain .io darauf mappen aber das WordPressangebot dazu verunsichert mich zur Zeit ein wenig. Also nehme ich eine andere Domain um einmal die Einrichtungsroutine durchzuspielen. Alles klappt ohne Probleme bis zum Installieren des Profilbildes, das andere G Suite Nutzer sehen können. Natürlich nehme ich das Bild des „obamisierten Horax“, den Twitteravatar, der auch Header in diesem Blog und anderen Diensten ist. Zu meinem Erstaunen erklärt mir G Suite, daß kein Gesicht auf dem Bild zu erkennen sei. Das automatisierte Gesichtserkennungssystem – ich bringe es nicht mit Künstlicher Intelligenz in Verbindung, denn die würde ein Gesicht erkennen – läßt mich das Bild nicht einbauen. Klar ist, die Teststellung wird auslaufen und der Account wird gelöscht.