Schlagwort-Archive: Kreuzberg

Über einen Sonntag 2

Kaffeemaschine bestücken. Sonntagzeitung durchblättern. Klamotten sortieren. Frau küssen. Nachbarschaftspark durchqueren. Bier zischen. U6 benutzen. S-Bahn besteigen. Zug fahren. Gleis wechseln. Currywurst versagen. Weißbier bestellen. Zielort erreichen. Hotel betreten. Zimmer beziehen. Koffer auspacken. MacBook anschließen. Hafenspitze umrunden. Café aufsuchen. Lufthansacocktail genießen. Wespen ertragen. Fußgängerzone begehen. Matjesbrot essen. Holde benachrichtigen. Dinner fröhnen. Gänge photographieren. Eltern anrufen. Bar besuchen. Cocktails trinken. Bekannte treffen. Lustig sein. IPA ziehen. Blogpost vergessen. Gute Nacht.

Über automatisierten Datenabgleich

Automatisierter Datenabgleich ist, insbesondere wenn es um große Datenmengen geht, ein Segen für Organisation und Individuum. Prozesse werden beschleunigt und verbilligt, Entscheidungen werden schneller getroffen. Was ist jedoch, wenn die Organisation mit unbekannten oder seltenen Fehlern konfrontiert ist? Folgendes Beispiel möge dies skizzieren:

Das Finanzamt schickt einen neuen Steuerbescheid. Nachträglich wird eine Steuerermäßigung nicht anerkannt und eine Steuerforderung gestellt. Eine Nachfrage beim Finanzamt ergibt, der Steuerpflichtige habe die Berechtigung für die Steuerermäßigung verloren. Eine Nachfrage bei der Zentralen Zulagenstelle ergibt, die Rentenversicherung habe die Berechtigung für das Steuerjahr nicht übermittelt. Ein Termin bei der Rentenversicherung ergibt, die Meldebescheinigung zur Sozialversicherung sei nicht übermittelt worden. Eine Nachfrage beim Lohnbüro des Arbeitgebers ergibt die Meldung sei übermittelt. Eine Nachfrage bei der Krankenkasse des Arbeitnehmers ergibt die Meldung sei der Rentenversicherung fristgemäß übermittelt worden. Alle Datenübermittlungen erfolgten elektronisch und der Datenabgleich zwischen Rentenversicherung, Zentraler Zulagenstelle und Finanzamt automatisiert. Die Organisationen meinen alles sei korrekt verlaufen, es wäre kein Fehler passiert, sie hätten keinen Grund zu handeln. Das Individuum staunt und ist ratlos, es sieht sich in einer absurden, in einer kafkaesken Situation. Das Individuum findet keine Worte, hat für dieses Szenario keinen Begriff. Dies ist der Moment der Philosophie, die dazu Fragen stellen kann: Gibt es Wechselwirkungen zwischen Technik und Organisationshandeln, genauer gefragt wird der Technik von der Organisation magische, nicht zu hinterfragende, Kräfte zugeschrieben? Oder hat das konformierte Bewußtsein der Organisation, zum Beispiel nach dem Motto, wir machen keine Fehler – Petent, etwas damit zu tun? Letztens, hat dieses formale, nichtempathische Handeln der Organisation vielleicht auch etwas Gutes? Und viele weitere Fragen …

Über einen Sonntag 1

Kaffeemaschine anschmeißen. Sonntagzeitungen durchblättern. Buch lesen. U1 fahren. Kaufhaus besuchen. Bier trinken. Taxidrivercap kaufen. U3 benutzen. Modemesse beiwohnen. Sardinen essen. U-Bahn nehmen. Nachbarschaftspark photographieren. Schnitzel verzehren. Eltern anrufen. TV schauen. IPA ziehen. Blogpost hochladen. Gute Nacht.

Über Fusion Coffee Stout

Im Braukeller erscheint dem Braumeister ein kleines Faß Stout unbekannter Herkunft. Er öffnet es und mischt eigenes Stout und Kaffee darunter. Der Begriff Verschnitt mag für den Prozeß zu gewöhnlich klingen, der des Cuvées zu hochtrabend, gut craftbierartig ist Fusion die geeignete Wahl. Bilder aus der Kindheit der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhundert werden wach: Ältere Damen mit Hüten sitzen im Café und nippen an ihren wohlgeformten Tassen mit heißem Rüdesheimer Kaffee und unterhalten sich leise glucksend bei Käsekuchen. Ein neuer Begriff ist benannt – Käsekuchenstout. Ein Getränk für Göttinnen.

Über Live Canning

Aktuell läuft die Berlin Beerweek. Zwei Events dem Live Canning gewidmet, dem Abfüllen von Craftbier vor Publikum. Das regt zum Nachdenken an.

Aus der Fadheit industriell produzierter Biere hat sich die Craftbierszene entwickelt. Diese Szene wächst. Das Brauen besonderer Biere deren Geschmack im Gegensatz zur Fadheit der industriellen Biere steht scheint ein Schritt zur Ästhetisierung der Brauwirtschaft zu sein. Die Hervorhebung sinnlicher Wahrnehmung, die Betonung von besonderem Genuß und Geschmack deuten darauf hin. Dass es die Beerweek überhaupt gibt zeigt u.a. die Eventisierung rund um das Craftbier. Auch das Live Canning ist als Event Teil davon aber noch mehr. Während des Events setzt es den Druck künstlerischer Etiketten auf die Dosen die Ästhetisierung fort. Die Anzahl der Dosen sind limitiert. Die Dosen werden zum Kunstwerk und zum Sammlerobjekt. Das Publikum beim Live Canning wird so zur Anhängerschaft. Und diese wird wiederkommen… Ästhetisierung und Eventisierung katechisieren auch die Gläubigen, die Craftbiertrinkenden.

Über das den-Wolken-winken

Touristen gehen meist an dem Nachbarschaftspark vorbei. Ganz selten setzen sich bei freundlichem Wetter einige jüngere Besucher der Stadt an seinen Rand oder mitten auf die Wiese auf ein kaltes Bier. Die Süffel flezen morgens schon auf ihrer Lieblingsbank und später bei Sonnenhochstand am Rande des Podests im Schatten. Einige Frauen unterschiedlichen Alters machen es sich auf einer Bank bequem. Tabak ist eine ihrer Leidenschaften, sie rauchen Shisha und Zigaretten, nur kleinere Pausen werden dazwischen gemacht. Der kleine Junge läuft mit seitlich in Schulterhöhe gehaltenen Händchen auf die Gruppe Tauben zu und versucht eine zu erwischen. Mürrisch setzten sie zum Flug an, der aber nur ein Hopser ist und lassen sich einige Meter weiter nieder. Das Spiel beginnt von vorn. Die Hundebesitzerinnen lassen ihre Lieblinge frei herumlaufen. Man kennt sich, schwätzt miteinander und geht auf der Wiese auf und ab. Der kleine Junge folgt den Hunden und versucht mutig den Schwanz des größeren Hundes zu erreichen. Angst kennt er keine, dafür sorgt sich seine Mutter  nimmt ihn hoch und bringt ihn zur Parkbank mit den Frauen. Sie lachen. Der kleine Junge büxt der Gesellschaft aus und läuft auf der Wiese umher. Ab und zu bleibt er stehen, legt den Kopf in den Nacken kneift die Augen etwas zusammen und winkt lächelnd in die Höhe. Winkt er den Wolken? Was spielt sich in seiner Phantasie ab?

Über den Wasserrohrbruch

Der Luxus des täglichen Duschens wird erst dann bewußt sobald er verschwunden ist. Zwei Heißwasserrohrbrüche an zwei Tagen hintereinander bringen das zur Geltung. Nach dem ersten Rohrbruch ist am Tag darauf eine Möglichkeit vorhanden – lauwarmes Wasser ohne Druck ist in der Leitung. Keine überzeugende Sache. Nach dem zweiten Rohrbruch ist das Heißwasser nun restlos abgestellt, tagsüber auch die Kaltwasserleitung. Die Feuerwehr pumpt ab, 300 m3 . Aus einem Gulli auf dem Platz vor dem Haus sprudelt es wieder heraus.

Der Wasserkocher wird umfunktioniert – oder doch nicht – er tut ja was er soll. Die Verwendung des erhitzten Wassers ist eine andere. Waschlappen werden eingesetzt – unschön. Die wunderbare Kulturtechnik der Körperpflege regressiert. Wie lange wird das Heißwasser wohl abgestellt sein? Das Fell beginnt bereits zu jucken …

Über Kobolde in der Steigleitung

Wenn es wahr ist, dass Kobolde in Fahrstühlen wohnen, dann scheinen andere Orte des Hauses ebenfalls geeignete Wohnstätten zu sein. Alles was unter dem Begriff Versorgungstechnik zu subsummieren ist beinhaltet adäquate Örtlichkeiten. Kobolde sind scheu und zeigen sich nicht. Jedoch unmittelbar sinnliche Erfahrung kann mit dem Schabernack derjenigen Kobolde gemacht werden, die in Steigleitungen leben.

Ein oszillierender Wasserstrahl, geringer Druck und geringe Menge wechseln sich ab mit hohem Druck und höherer Menge, beweist das. Insbesondere wenn die Oszillation den Kaltwasserstrang betrifft ist der Duschende und seine Thermorezeption einer unmittelbaren Kälte- und Hitzeerfahrung ausgesetzt, die ungewollt mit lautstarken Äußerungen höchster Überraschung begleitet werden.

Sollte jedoch einmal der Warmwasserstrang betroffen sein so ist die sinnliche Erfahrung eine andere. Der Duschende ist gezwungen in der Mischbatterie das kalte Wasser zu minimieren und stellt die Mischbatterie auf heißeste Stufe und höchste Menge. Denn nur so ist ein Duschen wenigstens mit lauwarmen Wasser halbwegs möglich.

Fließt überhaupt kein Wasser ist es sicher, dass die Kobolde in den Steigleitungen schallend lachend und sich die Bäuche haltend ihren Streich genießen.

Über ein Stillleben mit Schuhen

Wenn der Ranzen nach dem Dinner spannt und die Sättigungsmüdigkeit den Geist ergreift ist nur ein einfaches Bild von Dingen vor dem Haus möglich.

Stillleben

Stillleben

Über die Merkwürdigkeit des Schienenersatzverkehrs

Der Schienenersatzverkehr ist gedanklich eine einfache Sache. Er transportiert die Fahrgäste entlang der Schienen von einem Anfangspunkt zu einem Endpunkt. Dies in beide Richtungen. Anzunehmen wäre, dass mit Ankunft des Schienenverkehrs die Ersatzfahrzeuge bereit stünden um ohne Zeitverzug den Weitertransport zu gewährleisten. Dieses ist mitnichten so. Die in Sichtkontakt fahrenden Busse haben ihre eigene Taktung, die vom Intervall des Schienenersatzverkehrs unabhängig ist. Zwei oder drei Busse fahren, wie gesagt, in kurzen Abständen hintereinander die Haltestellen an und bleiben so in Sichtkontakt. Sichtkontakt zu den Bussen hat damit auch die wartende Menge der Fahrgäste. Und der größte Teil von ihnen drängt auf und in den ersten Bus. Ist das ein massenpsychologisches Handeln? Oder ist das gesellschaftlich induziert indem dem Einzelnen Aktivität oder Hektik als Norm auferlegt wird? Was es auch sei, es bleibt merkwürdig.