Der eine Lebensmittelhändler des Vertrauens hat ausschließlich die Dresdner Variante im Sortiment, die Variante, die zum Würzfleisch passt. Der andere hat mehrere Varianten im Sortiment aber auch das Orginal, die einzig Wahre, die von Lea & Perrins. Sie ist die teuerste und sie wird seltener gekauft; der Staub auf ihren Schultern, dort wo der Flaschenhals ins Bauchige übergeht, zeugt davon. Sie trägt ihn mit Stolz, Patina. Und sie trägt den Namen der Grafschaft nicht des Ortes wie die anderen.
Schlagwort: das gute Leben
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Über das TV-Programm an Heiligabend
Von den Jahren zuvor unterscheidet sich das diesjährige TV-Programm zur „Prime Time“ nicht: Tränendrüseniges, Actionkomödiantisches oder Kriegsgeballere füllen die Sendeplätze ob Öffentlich-Rechtlich oder Privat. Der Pandemie Angepasstes? Fehlanzeige. Ein Programm zum Wegschauen, was dem Tag angemessen wäre – Fernseher aus.
Nachmittags läuft eine kleine Serie schwarzweißer Sherlock Holmes Filme aus den 1940er Jahren. Amüsant anzusehen, sie wirken anarchisch frech und aus der Zeit gefallen. Genau die richtigen Filme um die Zeit zu überbrücken bis das Christkind kommt…
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Über den ungenutzten Einkaufszettel
Prophylaktisch wird der Einkaufszettel geschrieben und zwar auf anlogem Papier, nicht in Binärschrift. Die Einkaufszettel sind kleine Zettel, in post-it-Größe, zurechtgeschnitten aus größeren, auch benutzten Papierformaten. Der Inhalt der Einkaufszettel wird genau besprochen; er bezieht sich auf die Lebensmitteleinkäufe einer Woche. Nach einem Einkauf wird der Zettel geprüft und das Erworbene durchgestrichen.
Zwiebeln fehlten nach dem Wochenendeinkauf. Der Einkaufszettel war während des Einkaufs mit dabei aber nicht gelesen. Es wurde einfach vergessen auf den Zettel zu schauen. Haarkötter hat recht: Notizen sind dazu da, die verschriftlichten Gedanken zu vergessen um Platz für neue zu machen. Die Zwiebeln waren auf dem Einkaufszettel und nicht im Kopf. Es bedarf der Übung während des Einkaufs auf den Zettel zu schauen…
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Über Seniorität
„Ich habe den goldenen Knoten des Ehrgeizes durchhauen, um meine Freiheit zurückzugewinnen.“
Peter Paul Rubens (1634)
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Selbstreferentielles (4)
Es ist zurzeit die Form des Blogs zum Inhalt geworden. Das soll kurz ein letztes Mal in diesem Blogpost beleuchtet werden.
Ein guter Ausgangspunkt ist die zunehmende Selbstreflexion während der, gefühlt langsamer verrinnenden Zeit in der Pandemie. Das Gespräch zwischen mir und mir selbst dreht sich noch einmal verstärkt um die Dinge, die für ein gutes Leben wichtig sind. Dies wirkt hinein bis in abgelegene Bereiche, in die Formen der Kleidung und eben auch in die Form des Blogs.
Dieses Blog ist kein Themenblog. Dieses Blog hat keine „Message“, gleichwohl werden Präferenzen in allen möglichen Bereichen erkennbar aber kein Mensch soll von irgendetwas überzeugt werden. Dieses Blog ist kein Diskussionsforum. Die Kommentarfunktion ist abgestellt, wer etwas zu den Inhalten zu sagen hat möge das in den eigenen digitalen vier Wänden tun, Pingbacks und Trackbacks werden moderiert. Dieses Blog ist auch nicht auf Reichweite aus.
Nichts von dem hier Geschriebenen wird auf anderen Kanälen distribuiert außer in meinem Tumblelog verlinkt.Dieses Blog ist dazu da, verstreute Gedanken für mich zu verschriftlichen. Es ist eine Art Tumblelog meiner Gedanken.
Leserïnnen können gerne am Geschriebenen teilhaben – es ist sichtbar – aber es ist eben nicht primär für ein Publikum gedacht.Das Blog ist ein Versuchsraum für das Formulieren meiner Gedanken, für die angemessene Art sie in Materialität zu bringen. Nun zur Form: Da meine Gedanken für mich verschriftlicht werden, soll es auch in einer Form geschehen, die mir zusagt. Vom Blog ist deshalb alles Magazinartige, alles Blogübliche wie der Avatar, das Twitterwidget und alles „Klickibunti“ verbannt um nur auf hellem Hintergrund mit einer mir etwas bedeutenden Schriftart zu erscheinen. Damit sedimentiert sich ein klitzekleiner Baustein für (m)ein gutes Leben. Jetzt aber genug davon…!
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Über das Tragen der Maske
Cineastisch gesehen ähnelt die ffp2-Maske dem Mundschutz eines antiken Helden aus der Ilias. In zeitlich entgegengesetzter Richtung finden wir sie in derselben Funktion bei den Helferïnnen von Sith-Lords oder Sith-Ladies.
Auf der Straße besehen wirkt die Maske wie ein über Kinn und Nase gestülpter Kaffeefilter. Sie läßt schiefe Zähne, verfilzten Bart, Sabber im Mundwinkel und fauligen Atem verschwinden. Sarkasmus, Häme, Gekränktheit, Wut und Freude werden unsichtbar. Ein Kopf mit Fliegenlabium?
Wie auch immer die Maske das Aussehen verändert, wie auch immer die Anderen nur ungenau gelesen werden können, dort wo Menschen sich zur Zeit begegnen ist das Nichttragen der Maske merkwürdig.
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Über dreimal Produktion und Heute
Bemerkenswert beschreibt Walter Rathenau schon 1912 das Gewicht der Wirtschaft anhand des Bauens – des Er- und Umbauens der modernen Großstadt (Gesamtausgabe Band II, 1977, S. 93):
„Wozu nun dienen diese unerhörten Bauten? Zum großen Teil dienen sie direkt der Produktion. Zum Teil dienen sie dem Verkehr und Handel, somit indirekt der Produktion. Zum Teil dienen sie der Verwaltung, der Wohnung und der Gesundheitspflege, somit vorwiegend der Produktion. Zum Teil dienen sie der Wissenschaft, der Kunst, der Technik, dem Unterricht, somit indirekt … noch immer der Produktion.“
Viermal Produktion aus unterschiedlichen Blickwinkeln – die Dynamik der Ökonomie sickert ins Betonierte, manifestiert sich im Steinernen, im Erstarrten. Gut 110 Jahre später in der Pandemie wird über nichts Wichtigeres geschrieben oder gesprochen als über „die Wirtschaft“ – und die „Entfesselung“ der nicht einmal stillgestellten Ökonomie. Ökonomie wird wahnhaft betrachtet. Sie kollabiert wenn keiner mehr da ist der konsumiert.
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Über einen winzigen Genuss
Allenthalben entsteht und vergeht Genuss. In der Pandemie scheint das Vergehen häufiger zu sein. Wenn der Stress zunimmt – wie kann da Muße sein, Genuss verdorrt. Ein geeigneter Moment des Genusses ist das Schlafengehen: die Muskulatur entspannt sich im ersten Liegen, Druck weicht vom Körper, der Leib öffnet sich.
Die Naturwissenschaft spricht gegen den Genuss von Schokolade am Abend; durch Inhaltsstoffe wie Koffein hilft sie nicht in den Schlaf. Ein kleines, 3 Gramm schweres Täfelchen aus Bitterschokolade auf die Zunge gelegt, schmiegt sich sanft an den Gaumen und schmilzt langsam mit herrlichem Geschmack.
Seit Beginn des Jahres gebe ich mich diesem winzigen Genuss hin, fühle mich wunderbar dabei und schlafe lächelnd ein. In der verbleibenden kalten Jahreszeit wird dieser Genuss jedenfalls nicht vergehen.
