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Die Suche nach der Wochenzeitschrift des Vertrauens

Ein verlängertes Wochenende auf der Insel im Ostseebad des Vertrauens – Entspannung pur, relaxen, schwimmen, schlemmen, spazierengehen und lesen. (Glotze möglichst auslassen!) Lesen ist Lebenselexier, zwei Bücher sind mitgenommen, die Zeitungen werden vor Ort gekauft. Letzteres scheint gar nicht so einfach. Die Wochenzeitschrift des Vertrauens ist nicht aufzufinden.

Sonnenaufgang

Sonnenaufgang

Das Hotel hält selbstverständlich die überregionalen Tageszeitungen bereit und zeigt sogar gegenüber den Berliner Gästen Großzügigkeit, indem es die dortige Regionalzeitungen offeriert, jedoch die Wochenzeitschrift des Vertrauens führt es nicht. Kein Problem, es gibt ja noch mehr Geschäfte im Städtchen. Immerhin strahlt das Städtchen Urbanität aus das bemerkt der Gast im tiefsten Winter, wenn in den umliegenden Bädern der Winterschlaf Rinzug gehalten hat. Jedoch ist auch im großen, mit Zeitschriften wohlsortierten Lebensmittelgeschäft in der Stadtmitte die gewünschte Zeitschrift nicht vorhanden; ebenso in den üblichen Zeitschriftenläden. Dem geneigten Gast fällt glücklicherweise ein, daß das Städtchen hat einen Bahnhof mit ICE-Anschluß hat und sich im Bahnhof eine Filliale einer Zeitschriftenladenkette befindet. Die Wochenzeitschrift des Vertrauens ist dort vorrätig, den Gast freut es.

Was hat Craftbeer mit der re:publica zu tun?

Die zehnte re:publica ist vorbei, großen Dank an die Organisatoren, das habt ihr wieder knorke hinbekommen. Eine sehr gute Idee ist die Erweiterung der Räumlichkeiten um mehr Stages und einen zusätzlichen Außenbereich.

Inhalte

Meine must-haves sind die Sessions von Gunter Dueck „Cargo Kulte“, Richard Sennet „The city as an open system“ und Thomas Fischer „Strafrecht, Wahrheit und Kommunikation“. Zum den must-haves gehören auch die Sessions von Freunden wie Maxim & Katrin „Fluch und Segen – intime Körperdaten in eHealth Anwendungen“ sowie der Michi „Netzinnenpolitik – Grundzüge einer Politik der Plattformgesellschaft“.

Beeindruckend sind die Ausführungen von Carolin Emcke „Raster des Hasses“. Emcke beschreibt Hass nicht einfach als Emotion des Individuums sondern sucht nach den Bedingungen, die ihn generieren, strukturieren und kanalisieren. Hass kann also sozial konstituiert werden. Ihre zentrale Frage ist: „Was sehen die Hassenden?“ (am Beispiel des belagerten Flüchtlingsbus in Clausnitz) Sie sehen im Gegenüber nicht eine Person, sie fragen nicht „Wer einer ist?“, sie müssen etwas anderes sehen, einen Stellvertreter, sie verdinglichen. Ihre Ausführungen regen mich zum Weiterdenken an.

Total fasziniert bin ich von Kate Stones  Session „A feel for print – paper music instruments“. Die Verbindung von Papier mit Musik, das Überführen des Digitalen in Analoges, Körperliches, Materielles und damit Haptisches ist eine großartige Idee. Ihre Arbeit ist eine höchst anregende, kreative Art des Tüftelns, der Bricolage. Das Überführen eines Computerprogramms zum Erstellen von Musikstücken auf ein Papier mit aufgemalten Blumen und Tieren, die jeweils ein Feature der Software beinhalten und mit deren Berühren Musikstücke erstellt werden können ist verblüffend.

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Vershicert

Seit einiger Zeit falle ich ja, lobet die Werbewirtschaft, nicht mehr in die „werberelevante Zielgruppe“ sondern bin werblich tot. Das ist entspannend, das ist großartig. Auch in die Zielgruppe der neu erschienenen „Frankfurter Allgemeinen Woche“ falle ich nicht. (Habe ich eben erst gelesen.) Trotzdem habe ich sie mir am ersten Erscheinungstag und in dieser Woche im Zeitungsladen des Vertrauens gekauft um sie für mich zu testen. Zu Testzwecken lag sie allerdings der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ in der letzten und in dieser Woche bei, sodaß ich jeweils 3,50€ unnötigerweise ausgegeben habe. Und nein, auch daß ich sie bereits am Erscheinungstag erhalte macht die Geldausgabe nicht wett. Ein klein wenig komme ich mir vershicert vor. Gelernt aus der Übung ist Geduld, warten auf kommenden Sonntag, und wenn ich sowieso nicht die Zielgruppe bin …

Tüftler und Theoretiker

Auf dem Forschungsgipfel sagt der Chef der Deutschen Telekom, Timotheus Höttges, laut Telekom-Twitter-Account folgende Sätze:

„In der digitalen Welt siegen Tüftler über Theoretiker. Dafür müssen wir in Unternehmen Freiräume schaffen.“

Die beiden Sätze werfen mir Fragen auf. Erste Frage: Sind in der analogen Welt Theoretiker erfolgreicher als Tüftler und haben nicht auch in der analogen Welt Ingeneure und Handwerker die Nase vor gehabt und Theoretiker die Dinge nachlaufend erklärt? Die zweite Frage: Wer hat Freiräume in der analogen Welt; Theoretiker? Und daran schließen sich die dritte und noch mehr Fragen an: Wie müssen Unternehmen organisiert sein, damit Tüftler ihre Freiräume haben? Sind die hierarchisch, miltärisch, nach Befehl und Gehorsam organisierten Unternehmen für die Zukunft gerüstet? Sind Überwachung am Arbeitsplatz und Überwachung von Produktionsmitteln wie Rechner der Mitarbeiter samt Präsenzkultur zeitgemäß oder muß sich da was änderen?
Und wie verhält sich sich das Druckersche „Management by Objectives“ zum Vorgehensweise des Tüftlers?

Irritierende Verpackung

Verpackungen haben verschieden Funktionen, Schutz vor Beschädigungen des Gutes, Stapelbarkeit, Werbung und Information sowie als Versteck vor unliebsamen Blicken samt Überraschungsmoment. Manchmal ist aber die Verpackung in Relation zum Inhalt eher rätselhaft. Das folgende Bild zeigt ein Paket, mit dem ein paar Handschuhe geliefert werden:

Paket

Paket

Zu sehen ist eine übergroße Verpackung in der sich eine deutlich kleinere Schachtel befindet, die aber in Relation zum Handschuhpaar immer noch viel zu groß ist. Gefüllt wird der Leerraum mit unzähligen Luftpolstertaschen um die Schachtel zu fixieren. Ein scheinbar wahnwitziges Unterfangen, erklärbar mit einzelwirtschaftlichem Optimierungskalkül, das zudem die Entsorgung der unbrauchbaren Materialien dem Empfänger überläßt. Allein die Verpackung signalisiert in quantitativer Form dem Empfänger Wohlwollen und löst positive Gefühle durch die schiere Dimension des Pakets aus. Denn wer freut sich nicht über eine „große“ Überraschung. Damit werden gleichsam die Mühen der Folgehandlungen wie der notwendigen Entsorgung unsichtbar gemacht.

Der Entwickler ist sicher sehr stolz auf seine Software

Die veröffentlichte Meinung scheint klar zu sein: „kriminelle Energie“, „betrügerische Absicht“, „Gier“, mit diesen Schlagworten wird die VW-Manipulation charakterisiert. Allenthalben scheinen finstere Gestalten am Werk zu sein, das Böse scheint Wolfsburg fest im Griff zu haben. Mein erster Gedanke dazu ist: „Der Entwickler ist sicher sehr stolz auf seine Software“. Diese Software und ihr Einsatz in einem Fahrzeug sind nicht vom Himmel gefallen sondern die Software wurde von einem Menschen geschrieben, von einem anderen beauftragt und von einem dritten in die Produktion gebracht. Ein gemeinsames Handeln von Menschen, die sich wahrscheinlich keinerlei Gedanken um die Folgen ihres Tuns gemacht haben. Der Entwickler wird sehr stolz auf das Funktionieren der Software sein und die Ingenieure werden stolz auf das funktionierende Werkstück sein und alle zusammen werden denken, daß sie die tollsten Autos der Welt bauen und werden auch stolz darauf sein. Diese Gedankenlosigkeit, dieses mangelnde Urteilsvermögen, diese Unfähigkeit sich in Andere hineinzuversetzen sind keine ausschließlichen Merkmale von spezifischen Unternehmensmitarbeitern, sondern, ganz im Gegenteil, in allen Organisationen zu finden, ob in Unternehmen, Verwaltung, Politik oder Vereinen.

Zygmunt Bauman sieht in Organisation und Technik Adiaophorisierung angelegt. In Organisationen meint Adiaphorisierung, daß einerseits die Verantwortung für den Anderen an den Vorgesetzten abgegeben wird, andererseits hat sich die Verantwortung für den Anderen durch das auch in Organisationen allgemein herrschende neoliberale Diktum in eine „Mischung aus Verantwortung für sich selbst und Verantwortung sich selbst gegenüber“ gewandelt. So entsteht gerade in großen Unternehmen eine Zirkularität der Verantwortung sodaß sich letztendlich niemand wirklich verantwortlich fühlt. Es braucht also nicht einmal den Befehl von „ganz oben“ für die VW-Manipulation. Das bedeutet nicht, daß, falls es strafrechtliche Verstöße gibt, niemand dementsprechend zur Verantwortung gezogen werden kann, wer klaren Verstandes ist kann juristisch belangt werden, Dummheit schützt nicht vor Strafe. Ich finde allerdings, daß mit Behauptungen von „krimineller Energie“, „betrügerischer Absicht“ und „Gier“ sehr vorsichtig umgegangen werden sollte.

Die entscheidende Frage ist also ob, wie und welche Strukturen in Organisationen geschaffen werden könnten um solche Manipulationen möglichst gering zu halten. Eine Antwort darauf habe ich nicht, werde aber weiter darüber nachdenken.

Daten und Implantate

Das Bundesforschungsministerium hat eine Bürgerdialogreihe der ZukunftsForen gestartet. Das erste ZukunftsForum trägt den Titel „Gesundheit neu denken„. Dazu gibt es eine CAPI-Befragung mit 1000 Teilnehmern von TNS Emnid, deren Ergebnisse hier als pdf herunterladbar sind. Die Resultate folgender Frage bringen mich ins Grübeln:

In der Medizin werden mittlerweile neuronale Implantate eingesetzt um verloren gegangene Körperfunktionen, wie etwa den Gehörsinn, wieder herzustellen. In Zukunft wird es wahrseinlich auch möglich sein, die geistigen Fähigkeiten von Menschen durch Implantate zu steigern, wie z.B. Verbesserung der Gedächtnisleistung und Konzentration. Was halten Sie von der Vorstellung sich Implantate zur Steigerung der geistigen Fähigkeiten in den Körper einpflanzen zu lassen?

Insgesamt 50,7% der Befragten finden das „Gut/Sehr Gut“ wobei die jüngeren Altersgruppen noch höhere Zustimmung signalisieren. Ungeachtet aller methodischer Problematiken, die die Fragestellung selber und die Stichprobenziehung samt Nachgewichtung betreffen, zeigt sich mir hier eine bedenkliche Tendenz. Gesundheit scheint kein ausreichendes Befinden zu sein, ein anderer Zustand will erreicht werden. Ein Zustand, der immer eine weitere Steigerung erfordert, denn ein Ende ist nach oben offen und somit ist man immer im dauerhaften Optimierungs-Hamsterrad. Eine seltsame Vorstellung. Schaut man in der Studie nach der Bereitschaft Gesundheitsdaten zu teilen, so ist hier größte Zurückhaltung zu erkennen. Wie passt diese Zurückhaltung eigentlich zu Implantierungsbereitschaft – ein Paradox oder nicht?

Eine seltsame Platzierung im Regal

Die Lebensmittelabteilung des Vertauens in der Stadt hat ihren Bierverkaufsbereich umgestaltet. Im Gegensatz zu den großzügig gestaltenen Bereichen Weine oder Hochprozentiges, die jeweils beratendes Verkaufspersonal haben, ist der Bierbereich deutlich kleiner und ohne eigenes Personal. Das fände ich für mich persönlich nicht weiter schlimm, falls der Bereich eine sich mir erschließende Ordnung hätte. Die einzige Ordnung, die ich erkennen kann ist die nach Ländern. Nicht ersichtlich ist mir eine Ordnung nach Bierarten geschweige denn eine separate Sortierung in oder nach Craftbieren vs Rest. Das führt dann zu verwirrenden Platzierungen sodaß das Black Flag Imperial Stout von Schoppe Bräu und das Pale Ale von Flying Turtle neben Standardpilsetten industrieller Brauerereien stehen.

Bierplatzierung

Bierplatzierung

Ich wünsche mir da ein wenig mehr Klarheit und Herzblut, so wie das in anderen Bereichen der Lebensmittelabteilung des Vertrauens gang und gäbe ist.

Die Kraftmaschine

In der Sonntagszeitung des Vertrauens lese ich einen Artikel über Wolfgang Schivelbuchs neues Buch „Das verzehrende Leben der Dinge. Versuch über die Konsumtion.“ Gegenstand des Werkes ist die Analyse wechselseitiger Prozesse der „Einverleibung“. Einerseits verändert der menschliche Gebrauch (z.B. durch Abnutzung) den Gegenstand, andererseits verändert ein Gegenstand die Beziehung zu ihm selbst, so transformiert sich ein beliebiges Produkt in das eigene.

Ich muß beim Lesen an die Maschinen für das Kraftraining denken. Dort scheint mir die Richtung der Transformation in Richtung Mensch übermächtig. Durch die Maschine werden vielgestaltige metabolische Prozesse im Körper des Trainierenden aktiviert, die als Folge einen Muskel- und Kraftzuwachs zeitigen. Auch scheinen einzelne Maschinen der gleichen Übung Besitz von den Trainierenden zu ergreifen. Ich beobachte in meinem eigenen Trainingsablauf, daß ich eine Maschine den anderen Maschinen der gleichen Übung bevorzuge. Ergreife ich also Besitz von der Maschine oder ergreift die Maschine Besitz von mir?

Die Sache mit der GDL

Zufällig hatte ich gestern mal wieder Deleuzes „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“ in der Hand und las im Abschnitt „III. Programm“ folgende Bemerkung über die Gewerkschaften:

Eine der wichtigsten Fragen dürfte die Untauglichkeit der Gewerkschaften betreffen: In ihrer ganzen Geschichte waren sie gebunden an den Kampf in den Einschließungsmilieus oder gegen die Disziplinierungen. Können sie sich der neuen Situation anpassen oder machen sie neuen Widerstandsformen gegen die Kontrollgesellschaften Platz?

Sicherlich haben sich neue Widerstandsformen gegen die Kontrollgesellschaften im zivilgesellschaftlichen Bereich gebildet aber die Organisation der Gewerkschaften als Vertreter der Beschäftigten hat sich ebenso gewandelt wie die Beschäftigtenstruktur und das Selbstverständnis der Beschäftigten. Spartengewerkschaften, wie die GDL, sind meines Erachtens tatsächlich eine Organisationsform der „Flüchtigen Moderne“ wie Zygmunt Bauman sie beschreibt. Daß sie das tun, wozu sie da sind, nämlich im Interesse ihrer Mitglieder tätig zu sein, sollte eigentlich eine Binsenwahrheit sein, trotzdem haben mich manche Reaktionen auf den Streik gerade auch von Menschen, die sich selber links einstufen, erschreckt. Solidarität scheint ein Fremdwort geworden zu sein, Egoismus geht vor. Ebenfalls seltsam finde ich allerdings die Berichte des professionellen Journalismus, der die GDL, ihre Vertreter und ihre Kampfmaßnahmen thematisiert und überwiegend diskreditiert, zur Politik des Arbeitgebers, des Kapitals, zu Entlohnung und zu Arbeitszeiten jedoch schweigt. Die Gesellschaft hat sich deutlich verändert.